Das knallbunte runde Ding ist ein Heissluftballon…

September 30, 2008

… und ich bin mitgeflogen! Denn ich habe in der ‘Gray Fund‘ Lotterie gewonnen. Reed verlost alle paar Wochen Tickets für aussergewöhnlichen Trips, weil die so genannte (wundervolle) Betty Gray, eine reiche Dame, der das Wohl der Reed StudentInnen am Herzen lag, der Meinung war, dass diese auch mal kulturell und sozial gefördert werden sollen. Also hat sie nach ihrem Tode dem Reed College eine Menge Kohle hinterlassen, damit tolle Trips organisiert werden können (u.a.: Wildwasser-Rafting, Eislaufen, Bergklettern oder eben Heissluftballon-Fahrten). 78 Leute haben sich für diesen Trip beworben und was soll ich sagen: die Glücksfee ist nun mal meine beste Freundin. 6 Leute wurden aus dem Hut gezogen und MagdaLENE Albrecht war dabei (zumindest laut meines Namensschildes). Aber Dank des aussergewöhnlich schönen Trips verzeihe ich die Verunstaltung meines Namens.

Sonntag um 5:45 morgens (!) ging’s los. Es war wunderschön und bezaubernd und weil ich den Trip nicht durch schnöde Worte verhunzen möchte, lasse ich nun wieder die Macht der Bilder sprechen. Zum einen habe ich zwei kleinere Videos hochgeladen, die Dank youtube eine wirklich beschissene Qualität haben. Für Fotos klicke: hier.


Woche 5: Politische Theorie, Bankenkrise, Präsidentschaftsdebatte… und ganz viel Uni

September 27, 2008

Hier passiert gerade unheimlich viel, deshalb hoffe ich, dass mein nun folgender Crashkurs durch die vergangene Woche nicht allzu wild wird. Wer keine Zeit hat, sollte morgen wiederkommen. Es wird lang.

Die Uni hält mich beschäftigt, Kaffee hält mich wach und das Wetter macht gute Laune. Es ist so angenehm draussen, dass wir diese Woche meinen Gender & Political Theory Kurs nach draussen verlegt haben, direkt unter die Canyon Bridge, die ich nur überqueren muss, wenn ich zu meinem Wohnheim will. Wie ihr sehen könnt, sind wir ganze 8 Leute in diesem Kurs, was ein Grund ist, warum ich mich nicht vor dem Lesen drücken kann. Der nächste Grund ist: Die Zeit der Essays und Hausarbeiten hat angefangen. Habe diese Woche schon 2 Essays abgegeben, eins folgt noch dieses Wochenende. Mein erstes Französisch-Exam verlief erfolgeich und… bizarr. Unsere Französischlehrerin verließ nämlich den Raum, nachdem sie die Arbeit austeilte: Ich war etwas verwundert und eine Komilitonin erklärte mir dann, was los sei: Bei Leistungskontrollen gehen die Profs am Reed College normalerweise aus dem Raum. Die StudentInnen sind dann allein und schreiben ihre Arbeit hoffentlich besten Gewissens. Während in Deutschland wahrscheinlich jede/r das Buch mit den Lösungen rausgeholt hätte (und ich war kurz davor), pochen die Reedies auf die Honor Principles der Uni. Wirklich seltsam.

Ich habe außerdem Konversationsstunden mit dem französischen language scholar (Sprachlehrer), welche gut verlaufen. Obwohl ich noch immer traurig bin, dass ich hier kein Spanisch belegen konnte, ist es auch ziemlich dufte, mein Französisch mal an richtigen Franzosen zu testen. Links seht ihr ein Bild der 3. Etage der ‘Eliot Hall’, wo ich die meisten meiner Kurse habe. Dort sind die Fächer der Profs, in die wir unsere fertigen Essays ablegen sollen. Da die Erstsemester (und ich :-) ) diese Woche die ersten Essays abgeben mussten, haben ältere StudentInnen dafür gesorgt, dass dies ja feierlich mit Tröten, Luftballons und TamTam abläuft. Verdammt, war ich stolz.

Ansonsten steht hier nun langsam alles im Zeichen der Präsidentschaftswahl: Austan Goolsbee, Wirtschaftsprof an der University of Chicago und Barack Obama’s Wirtschaftsberater, hat hier am Reed College einen Vortrag gehalten. Ein sehr ironischer Typ, der uns erklären wollte, wie und warum die momentane Bankenkrise verursacht wurde. Sein exzellentes Tafelbild hat mich trotzdem nicht aus dem Tal der Ahnungslosen herausgeholt. Nach den Zeichnungen ‘Mann’ und ‘Haus’ habe ich nur noch streckenweise verstanden, um was es ging. Zu viele Variablen und zu viel Fachchineschisch. Aber hey, er ist wirklich charismatisch und erscheint frisch und unverbraucht.

Ob man den Inhalt versteht oder nicht, ist ja auch irgendwie zweitrangig. Was zählt, sind Emotionen und Charisma. Zumindest erscheint dies so im gegenwärtigen US-Wahlkampf z.B. bei der Präsidentschaftsdebatte am 26. September. Während ich absolut angewidert war von McCain’s tränenreichen Kriegs-Stories („Jim, when I came home from prison…“ – zu deutsch: „Jim (=Moderator), als ich aus Kriegsgefangenschaft entlassen wurde…“), fanden meine amerikanischen KomillitonnInnen, dass dies absolut nötig ist, um das amerikanischen Volk dazu zu bringen, McCain zu wählen. Und Obama habe sich an diese Tag nicht gut geschlagen, weil er einfach zu wenig auf die Tränendrüse gedrückt hat… Gesehen haben wir die Debatte übrigens im gleichen Raum, wo auch der Golsbee-Vortrag war. Insgesamt war es recht amüsant, weil wir zwar dazu angehalten wurden, leise zu sein, die gesamte Debatte über aber laute Rufe, Geklatsche und Buhrufe zu hören waren. Interessant: Als die beiden Kandidaten vorgestellt wurden, haben vielleicht 2 Leute geklatscht, als McCains Name erklang. Als Obama vorgestellt wurde, brach der ganze Raum in tosenden Beifall aus. McCain wurde häufig richtig ausgelacht oder als motherfucker beschimpft. Hach, herrlich. In South Carolina ist dies sicherlich anders abgelaufen…

Nach dieser akademisch und politisch wirklich anstrengenden Woche sind Eva, María und ich heute morgen dann mit dem Bus nach Hawthorne gefahren, ein dufter Kiez ganz in der Nähe vom Reed College, wo man schön draussen in Cafés sitzen kann, shoppen und spazieren geht, sprich: sehr europäisch einfach mal den Tag draussen verbringt. Sehr gut Frühstück gegessen (Lachs, Ei und Pancake, yammie) und dann die Second-Hand Läden ausgecheckt, denn Hawthorne hat ‘ne Menge davon. Ein paar coole Schnäppchen entdeckt und sogar schon mal getragene Schuhe anprobiert (Fussphobie!). Wollte mir fast eine blaue Kindermütze kaufen, María hat mich aber vor diesem Fehler bewahrt. Wenn ich mir das Foto so angucke, weiß ich gar nicht, warum…

Wie ihr seht, habe ich endlich eine Brille. Zum Schnäppchenpreis von $250 inklusive Arztrechnung. Und das war preiswert, denn ich hatte Glück: just an dem Tag, an dem ich mir eine Brille aussuchte, hatte der Optiker 50%off. Falls ihr euch fragt, warum ich plötzlich zur Rockefellerin beworden bin: das deutsche Department bezahlt mich sehr gut als teaching assistant. So, meine Lieben. Das war lang, aber hoffentlich informationsreich. Fühlt euch geküsst und gegrüsst!

Und die Gewinnerin eines persönlichen Links diese Woche ist Anna: Women in Combat „Enjoy!“ (wie meine Profs hier immer unter Examen oder E-Mails mit Hausaufgaben schreiben…)


Resumé der ersten vier Wochen: Lesen, lesen, lesen…

September 21, 2008

…und lesen. Bevor ich zu Reed kam, hatte ich in den Erfahrungsberichten der FU gelesen, dass Reed zu den Colleges mit den meisten Hausaufgaben zählt – ich denke, dass ich langsam ein Gefühl dafür bekomme, was das heisst. Die Bibliothekarin kennt schon meinen Namen und wer mich besuchen will, findet mich in der zweiten Etage nahe der klangvollen Klimaanlage und sollte mir besser einen Kaffee mitbringen.

Aber wenn ich ehrlich bin: Da die Atmosphäre auf dem Campus fantastisch ist und alle StudentInnen mit dem selben Lesepensum zu kämpfen haben, ist dies auch eine ganz neue und durchweg intensive Erfahrung für mich, mein Leben vollständig „nach Büchern“ zu richten. Und wirklich: Die Bibliothek (unter der Woche bis 2:30Uhr morgens offen!) ist exzellent ausgestattet mit allerlei Sesseln, Couches und den neuesten Mac Computern (Dank Steve Jobs). Auf jede/n StudentIn kommt hier ein Computer, ich muss also nie anstehen. Drucker und Kopierer gibt es überall, hier wartet man folglich nie bis zu 2h (FU!) auf seine Ausdrucke. Die Profs sorgen außerdem dafür, dass alle aktuell zu lesenden Bücher, Artikel, Journals etc. beim Check-In bereitliegen.

Da ich nun exakt vier Wochen hier bin, bekomme ich langsam einen routinierten Tagesablauf, der ungefähr wie folgt ist:

  • 8-9 Uhr: aufstehen, schnelles Frühstück. Habe mir Cornflakes besorgt, damit ich morgens keine Zeit damit verschwende, in der Cafeteria zu essen. Danach: Lesen.
  • Kurse. Manchmal erheiternd und mit viel Partizipation meinerseits, manchmal peinliches Schweigen und viele Fragezeichen –> Sich irritiert und leicht dumm fühlen (vor allen Dingen, wenn die Profs Dinge sagen wie: „Du bist doch aus Deutschland, erzähl uns doch mal was von Marx und erkläre, was ‘historischer Materialismus’ ist„) –> große Scham empfinden –> Amis verfluchen, die jünger, aber klüger sind. Zwischen den Kursen in die Bib rennen und: nachschlagen, was Marx so alles gesagt hat.
  • gegen 17Uhr: Kaffee besorgen, María auf einen kurzen Chat treffen, und: zurück in die Bib
  • Gegen 19-20Uhr treffe ich mich dann meist mit den anderen internationalen StudentInnen zum Abendbrot, wahlweise am deutschen, russischen, französischen oder spanischen „Stammtisch“, wo auch wirklich (!) nur die jeweilige Sprache gesprochen wird. Es ist unglaublich zu beobachten, wie die StudentInnen hier auch in der Freizeit auf ihr Studium konzentriert sind: wenn wir einen Film gucken, ist der bestimmt nicht in Englisch, sondern in Französisch, Spanisch oder Russisch. Wenn wir essen, wird weiter über den Unterrichtsstoff diskutiert. Zumindest unter der Woche gibt es kein Entkommen: Reed ist absolut studienorientiert. Jede Veranstaltung muss lehrreich sein und am besten 2-sprachig.
  • Danach: das letzte Mal in die Bibliothek und bleibe dort, bis mir fast die Augen zufallen oder ich anfange, Sätze 8x zu lesen
  • Am Montag gehe um 21Uhr zum Meeting der feministischen StudentInnengruppe. Donnerstag und Sonntag ist ACapella-Probe (welche wirklich fantastisch ist: Wir singen Lieder wie „Eye of the Tiger“ oder „Tainted Love“, wie gesagt: A Capella, aber mit Beatbox-Begleitung (!) eines Typen, klingt klasse! Auch hier muss ich wieder sagen: Unglaublich, wie konzentriert und zielorientiert die Leute sind)
  • Montag, Mittwoch und Freitag hole ich dann noch im Deutsch Department die Hausaufgaben der Deutschklasse ab und korrigiere diese, wofür ich ungefähr 2h (= $20, yeah) brauche.
  • Gegen 1-2: Schlafenszeit.

Klingt viel? Ist auch so!

Ihr fragt euch, ob es sich überhaupt lohnt, zwischen den Kursen für eine Stunde in die Bibliothek zu rennen?

Oh ja, denn alle Wege sind hier superkurz. Von meinem dorm zum Klassenraum sind es knappe drei Minuten, zur Bibliothek dann nur noch zwei. Ich muss praktisch nur die Canyon Bridge (nachts auch die Blue Bridge genannt) überqueren (siehe Campus-Fotos), und bin da.

Da ich Freitag nur Französisch habe, gönne ich mir einen Break und „schlafe aus“ – bis um 10 – und gehe erst nachmittags in die Bib. Da hier am Wochenende immer irgendwas los ist (und wenn nicht, sorgen wir schon dafür), muss ich mir über die Wochenendplanung keine Sorgen machen. Trotzdem werde ich wahrscheinlich am Wochenende immer ein bisschen vorlesen, damit ich in der Woche nicht so erschlagen werde. Plus: Diese Woche musste ich anfangen, Essays und Hausarbeiten zu schreiben, weil die Amis alle Arbeiten innerhalb des Semesters schreiben, dafür aber in den Ferien auch wirklich frei haben. Habe gestern mein erstes Essay abgegeben, 4 Seiten, geschrieben in ein paar Stunden, weil ich es irgendwie bis zur letzten Minute rausgeschoben habe und dann Samstag Mittag dachte: „Damn it, um 5 ist Abgabe…!“ Aber irgendwie konnte ich das nicht anders koordinieren, weil ich das Essay auch erst 2 Tage vorher aufbekommen hab.

Ich schwanke momentan stimmungsmäßig zwischen ‘hoch’ („Du schaffst das, nur noch 20 Seiten!“), ‘mittel’ („Ich bin die langsamste und dümmste Person in diesem Raum, aber hey, das sind ja auch Superlative!“) und ‘tief’ (müde, frustriert, den eigenen Verstand anzweifelnd). Wenn man das Gefühl hat, dass man, egal wie viel man arbeitet, nicht fertig wird (oder nicht im Stande ist, eine der Fragen adäquat zu beantworten, weil man nur rumstammelt und das englische Vokabular zum Thema noch nicht kennt), kann das echt frustrierend werden. Glücklicherweise ist María traumhaft und schreibt mir witzige SMS oder bringt mir Kaffee – in die Bibliothek.

PS: Da ich hier keinen Fernsehr habe, ist Youtube meine neue beste Freundin. Absolut empfehlenswert: Sarah Haskins. Sehr geistreiche und witzige Kommentare, diesmal:

Frauen und der Wischmob = eine zutiefste erfüllende Liebe (englisch, but you gotta watch it!!)

Für Adamski und Phil: ‘Chickflicks’. Liebe, Kind und Weibertratsch = Glückliche Frau.


Sandra Day O’Connor

September 18, 2008

Letzte Woche habe ich eine Mail von meinem (deutschen) Comparative Politics-Prof hier bekommen, mit dem Hinweis, dass Sandra Day O’Connor in Portland eine Rede halten wird. Und wenn ich schnell genug wäre, würde ich auch noch ein Ticket bekommen – und zwar umsonst (kostete nämlich $50-$80). Und ich war schnell genug (oder meine wirklich brennend überzeugende E-Mail, warum gerade ich das letzte Ticket bekommen sollte, hat geholfen).

O’Connor war die erste Frau, die in den Supreme Court (= Oberster Gerichtshof) berufen wurde. Dies geschah überraschenderweise 1981 und noch viel überraschender: Ronald Reagan war dafür verantwortlich – ein Präsident der republikanischen Partei, der sich nicht gerade mit Ruhm beckleckerte, wenn es um Frauen und politische Ämter ging (oder um die Ratifizierung der ERA, aber das ist nur etwas für Interessierte). Jedenfalls klang die Beschreibung der Veranstaltung verlockend:

In an election year where the „gender card“ is being played in the most cynical and offensive fashion, spend an evening with a woman who legitimately earned her place in history: Sandra Day O’Connor, the first woman appointed to the Supreme Court.

(zu deutsch: „Im Wahljahr, wo die ‘Gender-Karte’ in einer zynisch beleidigenden Art und Weise ausgespielt wird, koennen Sie einen Abend mit einer Frau verbringen, die ihren Platz in der Geschichte auf legitime Weise verdiente: Sandra Day O’Connor, die erste Frau, die in den Obersten Gerichtshof berufen wurde.“)

Arlene Schnitzer Concert Hall

Arlene Schnitzer Concert Hall

Ich bin also mit einem Kommilitonen aus meinem Comparative Politics Kurs nach Downtown Portland in die Arlene-Schnitzer Konzerthalle gefahren, in der Hoffnung, dass O’Connor ein wenig über die aktuelle Wahlkampfsituation erzählen würde oder dass wir zumindest ein gutes Essen abstauben würden. Na gut. Irgendwie hat beides nicht geklappt. O’Connor hat eigentlich nur zusammengefasst, was amerikanische und einige europäische Gerichtshöfe nach 9/11 für neue Gesetze verfasst haben. Irgendwie nix neues, dass in Deutschland jetzt beispielsweise Bankdaten* gespeichert werden dürfen oder wir im Internet ausspioniert werden (dürfen).

Ein wirklich interessanter Satz auch: „Der Supreme Court wird noch entscheiden, welche Foltermethoden auch wirklich Foltermethoden sind“. Damit spielte sie auf das so genannte Waterboarding an, was ja irgendwie Folter (= Menschenrechtsverletzung) ist, nur nicht nach amerikanischen Gesetz. Man kann von Glück reden, dass sie die Entscheidungen nicht mehr zu fällen hat, denn das selbst ernannte „arbeitslose Cowgirl“ (ich zitiere!) ist 2006 aus dem Amt ausgeschieden und war irgendwie berüchtigt für ihre (sozial**-)konservativen Entscheidungen. In der Fragerunde hat sie dann auch wirklich keine einzige Frage beantwort. Besonders bei heiklen Fragen, z.B. warum sie 2004 dieses Wahl-Dilemma in Florida für beendet entschieden und somit George W. Bush zum Präsidenten gemacht hat, wollte sie pertout nicht kommentieren.

Naja. Ich habe Sandra Day O’Connor gesehen, zumindest in Umrissen. Die College StudentInnen, die Karten umsonst bekommen haben, mussten nämlich auf den billigen Plätzen hinten sitzen. Aber zumindest hat mich diese Veranstaltung mal aus der Bibliothek gerissen.

*Apropos Bank: Ich musste mir ein amerikanisches Konto besorgen, damit das Deutsche Department mir Geld überweisen kann – ich habe also ein Konto bei der Washington Mutual Bank eröffnet. Großer Fehler. Ihr habt sicherlich gehört, dass diese pleite ist. Fuck die Finanzkrise. Wehe die verschleudern meine Kohle!!

** Ich habe hier gelernt, dass man zwischen ’sozial’ und ‘ökonomisch’ differenziert, wenn man sich politisch einordnet. Man kann also sozial liberal (im amerikanischen Sinne, also: tendenziell links) sein und ökonomisch republikanisch. Das ist natürlich ein Dilemma und ist ein Grund, warum es noch einige Unentschiedene gibt.


Tina Fey als „Sarah Palin“ und Ami Poehler als „Hillary Clinton“

September 14, 2008

Ein wenig Sarah Palin-Bashing von Saturday Night Live gefällig? Nicht nur lustig für Leute, die fließend Englisch können… Tina Fey ist ein Rockstar!


Jetzt weiß ich, was es heisst, ein „Full-Time“ Student zu sein!

September 12, 2008

Wenn man sich folgende Frage stellt, weiß man, dass man im Reed College angekommen ist: „Habe ich Zeit, zu duschen?“. Als ich mir diese Frage stellte, wusste ich, dass ich nur mit perfekter Organisation das nächste Semester überleben kann. Das Lesepensum ist gewaltig, manchmal lese ich bis 5 Minuten bevor der Kurs beginnt und bin immer noch nicht fertig. Ich wende schon psychologische Tricks an und printe 4 Seiten auf eine Doppelseite, damit die Lektüre für eine Klasse nicht mehr zwei Finger dick ist und ich etwas positiver ran gehe. Außerdem spart das Geld, denn am Ende des Semester bekomme ich eine Rechnung über meine Druckgebühren. Vielleicht sollte ich anfangen, ein Sparkonto dafür anzulegen.

Diese Woche haben sich übrigens viele StudentInnengruppen (exakt 72) mit Infoständen auf dem Campus vorgestellt, um für sich zu werben. Dann hatten wir ein paar Tage Zeit, um unsere persönliche Top 6 zu wählen. Die Gruppen, die unter die ersten 40 kommen, bekommen dann vom Reed College ziemlich viel Kohle und können Parties, Trips, Lesungen etc. organisieren. Ich habe mich in die Mailing-Liste der „Band&Proberaum-Gruppe“, der „A-Capella- Singe-Gruppe“ (für die ich am Samstag ein Vorsingen habe, toi toi toi), „Queer Alliance“, und „Feminist Student Union“ (ja, ja, Adamski…) eingetragen. Unter anderem gibt es hier auch skurrile Gruppen wie: „Singe so laut wie du kannst!“, „Bekämpft die Hasen“ (organisieren viele Parties), „Oktoberfest“ , einen „Fetisch-Club“, etc.

Ich bin nun seit dieser Woche übrigens auch „Teaching Assistant“ (Lehr-Assistentin) und korrigiere die Hausaufgaben der fortgeschrittenen Deutschklasse. Die armen Deutschschüler tun mir wirklich leid, weil diese UNGLAUBLICH viele Hausaufgaben aufbekommen (Übersetzung, Grammatik, Hörverständnis plus Fragen beantworten, freies Schreiben – ich habe immer so 3 Seiten pro StudentIn zu korrigieren – und das jeden zweiten Tag!). Aus Mitleid schreibe ich abstufend unter jede Hausaufgabe: Gut, Toll, Prima, Exzellent und ein :-) , um ein wenig Aufmunterung in den arbeitsreichen Alltag der Reedies zu bringen.

Um meine Tätigkeit als Assistentin (und später auch als Tutorin) legal nachzugehen, musste ich mir eine social security number besorgen. María und ich sind also Downtown gefahren (zuerst: verfahren) und sind in das entsprechende Amt rein, haben 10 Minuten gewartet, ich habe dann alle Dokumente (Pass, Visa, Antragsformular, Briefe von der Uni und Beschreibung meiner Tätigkeit) vorgezeigt und sofort die Bewilligung meiner social security number bekommen. Wow. Keine Bürokratie, kein Hin-und-Schicken, kein: „Sie haben hier eine Unterschrift vergessen, stellen Sie sich wieder an!!“ - wie dies auf jeden Fall in Deutschland der Fall gewesen wäre.

Ansonsten habe ich diese Woche eigentlich nur gelesen und Kaffee getrunken. ‘Ne Brille habe ich immer noch nicht, arbeite aber dran. Mails kann ich hoffentlich am Wochenende beantworten.

Übrigens: Keine Angst, ab und zu dusche ich hier schon!


Sonntag Morgen…

September 7, 2008

…gegen 11 Uhr. Nach einem exzellenten Frühstück (Erdbeer-Bananen-Käsekuchen-Pancake) schnappte ich mir meine Bücher, um mich mit María in der Bibliothek zu treffen. Wo in anderen Teilen der USA junge Leute schlafen, in der Kirche sitzen (und schlafen) oder einfach nur ‘chillen’, trifft man die halbe Studentenschaft Reed’s in der Bibliothek.

Fleißbienchen

Fleißbienchen María

Unfassbar, wieviele StudentInnen schon wach sind und eifrig ihre Hausaufgaben machen oder lesen. María und ich können diesen akademischen Ehrgeiz kaum fassen, obwohl wir ihm schon jetzt erliegen: Die meiste Zeit verbringe ich nicht etwa in meinem wirklich gemütlichen Zimmer, sondern entweder in der Bibliothek oder in der Cafeteria, auch commons genannt. Bewaffnet mit Kaffee (meine neue Droge, ich arbeite mich hoch!), jede Menge Marker, Papier und mit gutem Willen kämpfen wir uns seit Beginn der Uni durch den Wust an Hausaufgaben und Lektüren.

Gegen 17:00 Uhr (ja, solange waren wir in der Bib!), fiel dann die gesamte Elektrizität aus. Und zwar nicht nur in der Bibliothek, sondern auf dem ganzen Campus. Dies nutzten wir als die perfekte Entschuldigung, endlich mal mit dem Lernen aufzuhören. Da auch die Cafeteria stromabhängig war und dementsprechend auf Sparflamme lief, wurde Pizza und mexikanisches Essen bestellt.

So ist also mein zweites, ziemlich ereignisreiches Wochenende hier in Portland rum: Am Freitag wurde hier auf dem Campus eine „Represent your Status“ Party veranstaltet.

grün, gelb, rot - single, whatever, vergeben!

grün, gelb, rot - single, whatever, vergeben!

Man trug rot, wenn man vergeben ist, grün, wenn man zu haben ist und gelb, wenn man sich denkt: whatever!? (was-auch-immer!?). María und ich machten aus, alle Farben zu tragen, um zur Konfusion beizutragen.

Am Samstag entschieden wir uns dann, den Campus mal zu verlassen, damit wir nicht dem so genannten Campus Bubble erliegen (ab und zu muss man einfach mal andere Menschen, Geschäfte und Geräusche wahrnehmen). Das primäre Ziel des Shopping Trip in Downtown lautete eigentlich: Magda muss sich eine neue Brille kaufen (denn sie ist mir vor einigen Tagen im Bad kaputt gegangen, verdammte Kacheln). Anstatt der so lebenswichtigen Brille fand ich „leider“ nur Klamotten, dies lag aber auch daran, dass ich ohne Rezept kein neues Gestell bekomme. Muss also einen Augenarzt aufsuchen und erst mal checken, ob das meine deutsche Versicherung überhaupt übernimmt. Wenn nicht, muss ich wohl einen Kredit aufnehmen, denn amerikanische Ärzte sind absolute Halsabschneider und können dich ein Monatsgehalt kosten, wenn sie nur sagen: „Hallo, willkommen in meiner Praxis“. Der Shopping-Trip war aber absolut erheiternd: María und ich haben nämlich das erste Mal einen Louis Vitton und Gucci-Laden von innen gesehen. Jacqueline (kurz Jacquey), meine Nachbarin hier im dorm, hat uns nämlich begleitet.

Jacqueline und Maria beim Shopping

Jacqueline und María beim Shopping

Sie kommt aus Boston, Massachussats, und anscheinend aus einem wohlsituierten Elternhaus: Wir (besser: Jacquey) shoppte in all diesen Läden, in denen María und ich uns noch nicht mal ein Wasser leisten konnten. Jacquey war nur so in ihrem Element: Eine Tasche für $200 hier, eine Jacke für $300 da. Und wir konnten nur staunen, und hoffen, dass wir uns in unserem nächsten Leben auch mal eine Louis Vitton Tasche kaufen können (um sie dann gewinnbringend bei Ebay zu verticken!!).


Ich habe ein neues Zuhause: Die Bibliothek

September 5, 2008

Noch nie in meinem Leben habe ich in einer so kurzen Zeit so viel gelesen wie in der letzten Woche. Nein, ich korrigiere mich: In meinem gesamten Leben zusammengefasst habe ich nicht so viel gelesen wie in den letzten Tagen. Ich bin absolut erschossen und brauche Ferien. Oder drei Tage Schlaf hintereinander. Oder einen achtfachen Espresso. Gut. So viel zu meinem Befinden. Nun zur Chronologie:

Mein erster Uni Tag war der absolute Horror. Ich stand total neben mir und habe mich im Tag geirrt (wegen des Feiertages am Montag dachte ich am Dienstag, es wäre Montag). Dann das nächste Drama: Weil ich nicht in die Anfängerklasse Spanisch reinkam, sollte ich mich in den fortgeschrittenen Kurs setzen. Keine Ahnung warum, der Prof meinte sowas wie: „Kriegste schon hin, du kannst ja Französisch!“ Interessanterweise habe ich Spanisch auch wirklich verstanden, konnte aber bei Fragen dennoch nicht antworten. DENN: VERDAMMTE AXT, ICH KANN NUN MAL KEIN SPANISCH! Total verschämt bin ich aus der Klasse raus und ins Französisch Department gerannt. Dort habe ich einen Test gemacht und bin nun in der fortgeschrittenen Klasse Französisch, um meinen Stundenplan zu komplettieren. Warum ich nicht noch einen vierten Soziologie oder Politik Kurs mache? Weil ich nicht sterben will. Bevor ich überhaupt meine erste Stunde in den jeweiligen Kursen absolvierte, hatte ich schon Hausarbeiten. Im Schnitt so 80 Seiten Pro Kurs. Nicht pro Woche, pro Kurs. Also 8x eine Menge zu lesen. Zum Beispiel für Politik: The Subjection of Women“ von John Start Mill. Mal eben 100 Seiten, bitte bis übermorgen lesen! Kein Problem, denn die Bibliothek ist mir nun sehr ans Herz gewachsen. Unglaublich aber wahr: Wenn ich mich konzentriert hinsetze und keinen Fernseher, PC, Freunde, Schokolade etc. in meiner Nähe sind, bekommt man sogar eine Menge Arbeit geschafft.

Die Textauswahl ist ist fast immer aktuell, in meiner ‘Comparative Politics’ Klasse lese ich Ausschnitte aus einem Buch, was erst 2009 erscheint. Der Prof (außerdem mein beratender Dozent), Marcus Schaper, ist Deutscher und hat in Potsdam und in den USA studiert. Wird voraussichtlich sehr empirisch, denn wir werden u.a. Fallstudien von verschiedenen Ländern machen. Ich habe mir Spanien ausgesucht und werde dessen Sozialpolitik beleuchten.

Mein Politik-Kurs ‘Sex, Gender and Political Theory’ ist mir schon ans Herz gewachsen, weil Tamara Metz es schafft, politische Theorie mit YouTube Videos zu verbinden. Yeah for Multimedialität! Die Materialien sind ultraspannend und aktuell (ausgenommen der gute alte John Stuart Mill natürlich). Außerdem scheine ich den Anschluss verpasst zu haben: Während Deutschland noch nicht mal wirklich eine dritte Welle des Feminismus erlebte, spreche ich z.B. in meinem Soziologie Kurs ‘Feminisms: Comparative Perspectives on Women’s Activism’ bereits von der vierten Welle.

Die beiden Gender-Kurse sind sehr klein und im ‘Konferenz-Style’ gehalten: Wir sind ungefähr 8-10 Leute und sitzen um einen größeren Tisch herum. Die Atmosphäre ist realtiv locker, man spricht die Profs mit Vornamen an. Melden tut sich nur eine – nämlich ich – denn alle anderen sprechen einfach frei heraus, was ich total gewöhnungsbedürftig finde. Wer nicht partizipiert, fällt eindeutig auf. So weit gefallen mir alle Kurse ganz gut, ausser der Französisch Kurs. Ich hätte mich in ein höheres Level einschreiben sollen, denn bisher konjugieren wir noch Verben. Aber zumindest gibt mir das einen kleinen Puffer zu den leseintensiven Politik- und Soziologiekursen und ich frische mal wieder mein Französisch auf. Auch nicht schlecht.


Life’s a beach

September 2, 2008

Am Montag (Labour Day) um 10:00 ging’s los mit einem von Reed georderten Bus nach Cannon Beach, ca. 90min vom Reed College entfernt. Die wenigen Stunden, die wir zur Verfuegung hatten, haben wir mit einem ausgiebigen Strandspaziergang (Fotos!) gefuellt. Wunderschoenes Panorama: Der Pazifik auf der einen Seite und eine traumhafte Bergkulisse auf der anderen. Habe zum ersten Mal die Zehe in den Pazifik gehalten und muss sagen: Hat sich gut angefühlt! Anfangs war es ziemlich kalt (hier sind die letzten Tage gerade mal 20°C, soll sich aber in den nächsten Tagen erheblich ändern), wurde aber wärmer und hat sich zu einem tollen, erholsamen Tag entwickelt. Richtiges Portland Wetter (Regen) habe ich erst zwei Mal gehabt. Guter Schnitt für 2 Wochen. Übrigens habe ich an diesem Tage meinen ersten Kaffee getrunken – ein Schritt Richtung erwachsen werden ist also getätigt. Gepimpt mit Milch und Zucker ist dies ein wirklich interessantes Getränk.

Impressionen:

Pazifik - mein erstes Mal

Magda, Eva, María, Timmothé, Piotr, Remi

Wer nicht müde wird, mentale Ergüsse von mir zu rezipieren, checkt mal zoomer.de aus, wo ich die nächsten zwei Monate über die Vorwahlzeit hier in Portland und am Reed College blogge. Wenn ihr euch ein wenig über die hölzerne Sprache wundert, geht es euch wie mir: Anscheinend werden die Blogs noch einmal ‘Korrektur gelesen’.