Obama ist heute – Rassismus war gestern?

November 7, 2008

Gestern abend bin ich zu einer Diskussionsrunde des Multicultural Resource Center (MRC = Multikulturelles Center) hier am Reed gegangen, um ein paar Meinungen nach der Wahl einzufangen und einige der wichtigen Fragen zu erörtern, die zu dieser Zeit so rumschwirren: Was bedeutet diese Wahl insbesondere für Afroamerikaner/innen und andere Minoritäten? Was sagt die Wahl über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus? Hat diese Wahl die USA fundamental durchgeschüttelt und endlich Chancengleichheit demonstriert, welche es vorher nur in der Theorie gab? Und heisst das: Rassismus ist passé?

Mit Obama’s Wahl als Präsident wurde in der Tat einer der letzten, schwer überwindbaren „Rassen“-Barrieren gebrochen, die es in den USA bis dato noch gab. Rassismus (sowie Sexismus, Klassismus, Homophobie etc.) ist damit allerdings noch so allgegenwärtig wie vor der Wahl, auch wenn in dieser Wahl ein Afroamerikaner das erste Mal eine reele Chance auf die Präsidentschaft hatte. Genau genommen hat diese Wahl gezeigt, wie tief Rassismus doch noch in den USA verwurzelt ist.

Die Diskussionsrunde (ca. 15 Leute) war bunt gemischt, alle Minoritäten am Reed waren vertreten. Interessanterweise waren zwei der AfroamerikanerInnen Anhänger der republikanischen Partei. 2 von 15 – und das ist schon überproportional für’s Reed College.

Jackquey, Afroamerikanerin und Republikanerin, erzählte, wie sie die Wahlnacht verlebte: Als verkündet wurde, dass Obama Präsident ist, habe sie geweint. Und zwar vor Freude. Auf die Frage, warum sie sich denn freue, sie sei doch Republikanerin, antwortete sie wütend: „Warum ich mich freue? Warum freut ihr euch? Mein Vater wurde mit Steinen beworfen, als er zum ersten Mal die Universität betrat! Ich kenne Leute, deren Großeltern gelyncht wurden… Warum ich mich freue? Dieser Tag beweist, dass ein Schwarzer in diesem Land wirklich etwas erreichen kann!“

Jade, eine (afroamerikanische) Komiltonin, fügte hinzu: „Wenn ich meinen zukünftigen Kindern nun erzähle, dass sie alles erreichen können, lüge ich sie nicht an!“

Bei all der Euphorie herrschte aber Konsens darüber, dass Rassismus in den USA allerdings so institutionalisiert und in der Konsequenz subtil und manchmal schwer (an)greifbar sei, dass eine Wahl allein die amerikanische Gesellschaft nicht von einem Tag auf den anderen umwälzen kann. Aber Obama als Symbol- und Idofigur sei eines der bemerkenswerten Dinge, die in den letzten Jahren Richtung einer egalitären Gesellschaft geleistet wurde. Oder wie Jade es ausdrückte: „Endlich haben wir nicht nur Basketball Players und Musiker als Vorbilder – wir haben nun einen Präsidenten!“

Diese Diskussionsrunde hat eins verdeutlicht: In dieser Wahl ging es nicht nur darum, die republikanische Partei abzulösen und endlich wieder (irgend)einen demokratischen Präsidenten zu haben. Diese Wahl hat die amerikanische Gesellschaft in vielfacher Weise herausgefordert und den tief in der Kultur verankerten Rassismus (bzw. Sexismus, siehe Hillary Clinton) offengelegt – eine sicherlich schmerzliche Erfahrung für die USA, das „erste demokratische (sic) Land der Neuzeit“. Aber es ist auch ein wichtiger, symbolträchtiger Schritt in die Zukunft. Mal davon abgesehen, dass es immer strukturelle Barrieren geben wird, die Menschen davon abhalten, alles gewollte zu erreichen, kann das bloße Bewusstsein, dass alles möglich sei und darüber hinaus das Wissen, das es möglich ist (Obama), schon einen enormen psychologischen Effekt haben (im Sinne von Empowerment). So zumindest wirkte die allgemeine Stimmung der StudentInnen.

Sehr amerikanisch, dachte ich: Dies entpringt sicherlich dem amerikanischen Optimismus gemäß dem Mythos from rags to riches (vom Tellerwäscher zum Millionär), welches sich in den Augen Vieler als das entpuppt/disqualifiziert, was es nun einmal ist: Ein Mythos. Aber vielleicht ist das auch irrelevant. Vielleicht wird Obama mehr als bloß der 44. Präsident der USA.

Passend dazu ein paar schöne Eindrück von der Wahlnacht in Harlem, New York:

more about „Wahlnacht in Harlem / New York„, posted with vodpod

Offtopic: Und hier mal wieder ein exzellenter Beitrag von Sarah Haskins in der Reihe „Target Women“ (eine Reihe von kurzen Videos über Frauen und wie diese in den Medien dargestellt werden). Diesmal über die Show ‘The View’, wo 5 Frauen (u.a. Whoopi Goldberg) die wichtigen Dinge des Lebens bei einem „Coffee Klatch“ (ja, das ist das englische Wort) besprechen, insbesondere in letzter Zeit natürlich die Präsidentschaftswahl.


Die Nachwehen der Wahl

November 5, 2008
  • Wenn ihr mal sehen wollt, wie das JFK Institut (ja, mein Heimatstadt-Institut) und einige meiner KomilitonInnen in Berlin gefeiert haben, checkt die Berliner Morgenpost Seite aus.
  • Hier noch ein paar Fotos vom Reed College und wie dort nach der Verkündung von Obamas Sieg gefeiert wurde (von einer Freundin geklaut). Ich habe gehört, dass die Reedies sogar die Nationalhymne gesungen haben – das heisst wohl: Zum ersten Mal stolz auf ihr Land!

reed reeed

  • Hier ein Bild mit der Bildüberschrift „Change is good“ (Wandel ist gut) via Feministing.

changeisgood

  • Und hier noch einmal via Feministing eine Zusammenfassung von verschieden Entscheidungen bezüglich Homosexuellen Ehe, Abtreibung und Immigration. Kalifornien (‘Proposition 8′), Florida und Arizona haben sich gegen die Homosexuellen Ehe ausgeprochen. Die Abtreibung-Entscheidungen sind allerdings alle – im Sinne ‘pro-Choice’ – positiv ausgefallen, Kalifornien hat sich z.B. dagegen ausgesprochen, dass Eltern bei einer geplanten Abtreibung ihrer minderjährigen Tochter kontaktiert werden und ein Einverständnis geben müssen.
  • Letztendlich ein generelles Schmankerl (Dank USA erklärt): Eine Karte der letzten Präsidenten (bis einschließlich Truman) und ihre Zustimmungsraten während ihrer Amtszeit. Nixon war (nicht gerade überraschend) zeitweise noch unbeliebter als Bush.


Wahlnacht Impressionen

November 5, 2008

Es sieht gut aus für Obama!

Es sieht gut aus für Obama...

CNN Prognose: Obama ist Präsident! Wirklich…?

Obama ist Präsident! Wirklich...?

Wenn selbst Fox zugibt, dass Obama Präsident ist, muss es wohl stimmen!!

Presidential Election Portland

Yeahhhh!

Presidential Election Portland

Presidential Election Portland Presidential Election Portland

Yeahhhh! Presidential Election Portland

Hier ein kleines Video der Stimmung in der Bar vor Obamas Rede:

Fazit: 8 ehemals republikanische Staaten wurden demokratisch (Florida, Virginia (!), Indiana, Ohio, Iowa, Colorado, New Mexico, Nevada)! Präsident: demokratisch, House of Representative: demokratisch, Senat: demokratisch. Jetzt oder nie!!


November 4th: Election Day

November 4, 2008

Nachtrag: Ich werde den Eintrag hier so oft wie moeglich aktualisieren!

12pm: Heute ist der Tag der Tage, ein historische Moment, der Wegbereiter der Zukunft.

Je nachdem, wie die Wahl heute Nacht ausgeht, wird entweder eine Revolution angezettelt (aber keine sozialistische! – der amerikanische Skeptizismus bleibt bestehen) oder ein Jubelschrei der Freude, Erleichterung und Hoffnung wird erklingen, nach all den Jahren (legitimer?) Herrschaft der republikanischen Partei. So formulierte es zumindest eine Komilitonin aus meiner Franzoesisch-Klasse.

Der Schock nach 2004 mit dem Wahldebakel in Florida sitzt tief, und obwohl die Prognosen gut fuer Obama stehen (check out this website), klopfen viele noch einmal kraeftig aufs Holz, wenn darueber diskutiert wird, was mit den USA und in der Konsequenz mit anderen Laendern passiert, falls/wenn Obama nicht gewinnt.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich heute Abend auf dem Campus bleibe, oder mit den anderen internationals Downtown fahre, um den Ausgang der Wahl zu verfolgen. Ich werde aber in jedem Falle meinen PC und meine Webcam mitnehmen, damit ihr live dabei sein koennt. Also bleibt wach und trefft mich auf skype. So wahr mein PC durchhaelt und ich Strom finde, werde ich ein wenig live kommentieren, was hier in Portland abgeht.

Die ersten Zwischenergebnisse kommen am fruehen Abend (gegen 1 oder 2 Uhr nachts deutscher Zeit) von der Ostkueste, wo wegen der Zeitdifferenz die Wahllokale schon geschlossen sind.

Mal gucken, was der Tag so bringt. Und dann mal gucken, wie/ob die „Hoffnung“ und der „Wandel“ auch in Taten und Aktionen umgesetzt werden koennen.

3:20pm: Komme grad aus dem Unterricht und habe folgenden interessanten Bericht gefunden:

„Wähler brauchen Humor: Pannen und lange Schlangen“

und ausserdem:

Massenansturm bei Präsidentenwahl in USA

4:05pm: Guckt euch mal den chart auf FiveThirtyEight an, da kategorisiert der Autor die Staaten nach

  • „Safe“ (sicher fuer Obama bzw. McCain)
  • „Likely“ (relativ sicher fuer Obama bzw. McCain)
  • „Lean“ (tendentiell sicher fuer Obama bzw. McCain)
  • „Called“ (das ist dann die Rubrik „sicherer Staat“ fuer Obama bzw. McCain, aber erst nach der offiziellen Auszaehlung)

was bisher sehr gut fuer Obama aussieht!

8:00pm Viele Leute an meiner Uni sitzen gerade in der ‘Vollum Hall’, der größte Vorlesungssaal am Reed College und gucken gespannt, welche Staaten sich entweder blau oder rot färben. Wenn ein Staat ‘blau’ oder ‘rot’ ausgerufen wird, ertönt dementsprechender Jubel oder Buh-Rufe – blaue Staaten sind am Reed College definitv mehr willkommen. Ich war kurz da, um mit ein paar Leuten zu sprechen und habe mich gegen 6 dann mit den anderen getroffen.

Wir haben uns zu einer Bar aufgemacht, um auch außerhalb des Colleges ein paar Stimmungen bezüglich der Nacht der Nächte einzufangen. So sind wir in der „Beulahland“ Bar in Portland Downtown gelandet, die vollgepackt ist mit lauter schwatzenden und aufgeregten Menschen, die die CNN Berichterstattung lautstark kommentieren. Die ersten Hochrechnungen von der Ostküste, die schon gegen 5 Uhr Ortszeit eingingen, stimmten die Obama Anhänger euphorisch – jetzt sieht die Karte schon etwas röter aus.

Der Süden, früher mal ‘the solid south’ der demokratischen Partei, ist seit dem civil rights movement ‘the solid south’ der republikanischen Partei – da gab es auch dieses Jahr keine Überraschungen. Alles wartet gespannt auf Florida.

Gerade wurde vekündet, dass Virginia an die Demokraten ging…

UND NUN: OBAMA WURDE GERADE ALS NEUER PRÄSIDENT VERKÜNDET!

8:19pm: McCain hat gerade Obama zur Präsidentschaft gratuliert. Und kennt nur ein Thema: Obamas Hautfarbe. Und dass er nun Präsident der USA ist, beweise, wie progressiv die USA seien. Oh ja. Wieder einmal das gleiche, konservative Argument: Wenn ein Afroamerikaner es schafft, kann es jeder schaffen. Rassismus existiert dann wohl nicht mehr!! Ekelhaft.