Die letzten Tage waren unglaublich anstrengend, weil Aufwiedersehen sagen und traurig sein unheimlich ermuedend ist. Habe mit fast allen meinen KumpelInnen Abschied gefeiert:
Donnerstag abend hatte die internationale Gang ihr letztes gemeinsame Dinner. Ich habe jedem ein Fotoalbum gemacht, Peter hat uns jedem ein Buch geschenkt und Remi hatte uns herzzerreissende Briefe ins Postfach gelegt.
Freitag haben wir meinen franzoesischen Bruder morgens um 4 Uhr zum Flughafen gefahren, nachmittags habe ich mit Molly, meiner ACapella Kumpanin, in der Sonne Kuchen gegessen, abends sind wir mit anderen internationalen Studis peruanisch essen gegangen und danach Bier trinken mit Dana und Pooja, meine (Leid)Genossinen aus meinem Franzoesisch Kurs.
Samstag habe ich wie wild gepackt.
Sonntag haben wir fruehs schoen in der Sonne gefruehstueckt und sind anschliessend ein letztes Mal nach Hawthorne gefahren um Ben&Jerrys Milkshake und Kaffee zu trinken. Da unsere Kumpeline Polia uns Karten fuer das Graduation-Dinner geschenkt hat, haben wir abends schoen gegessen, bei Live Musik noch mal ordentlich abgedanct und Fotos mit Reed Praesident Colin Diver gemacht.
Montag war dann Graduation der Senior Class. Es war superheiss und der Reed Campus war voll mit Verwandten und der stolzen Abschlussklasse.
Maeve hat ihren Abschluss!
Magda und Maria am dancen
Peter, Maria, Colin Diver (Praesident von Reed College), Eva und Polia
So. Und jetzt sitze ich im Portland Flughafen und warte auf meinen Flug nach New York. Habe eine Stunde geschlafen und bin munter wie ein Eichhoernchen. Eva, Maria und Peter haben mich zum Flughafen gebracht. Einchecken war problemlos. Bald bin ich zu Hause.
Freitag Mittag hat meine Kumpeline Dana ihre Bachelorarbeit abgegeben, was mit Schampus, einem festlichen Lorbeer-Kranz als Kopfschmück und das Anbringen eines Stickers an die Wall of Fame der Seniors gefeiert wird.
Renn Fayre hat mit dem Einreichen der Abschlussarbeiten offiziell begonnen: 3 Tage Party, spielen, tanzen und chillen!
Renn Fayre begann mit der Thesis Parade, bei der die Seniors die Rohfassung ihrer Abschlussarbeiten verbrannten, der Schampus in Massen floß, sich alle abknutschten und dann die ganze Horde ins Eliot Hall Gebäude lief, um von Colin Diver, Präsident der Uni, beglückwunscht zu werden. Auf den Fotos seht ihr Dana auf dem Weg ihre Bachelorarbeit zu verbrennen und die drei Madels, Magda, Eva und Maria
Hier brennen ein paar Bachelorarbeiten
Der Sekt flog nur so durch die Luft, die Arbeiten brannten, die Marching Band spielte auf und alle tanzten. Ich litt nach einer Weile an absoluter Reizüberflutung inklusive überhöhten Alkoholkonsum, so dass wir nach der Parade erst einmal für ein paar Stunden im deutschen Haus crashten. Danach fertig machen, denn überall auf’m Campus waren Parties. In der SU (Student Union, Partysaal) spielte eine afrikanische Band und danach gab’s Punkrock Party.
Es gab verschieden Lounges, die jeweils ein bestimmtes Thema hatten, z.B. die
„Blue Lounge Sub-Free“ (drogenfrei), wo Alkohol und sonstiges unerwünscht ist und wo man Lego spielen kann
einen Raum voller Luftballons zum Toben
einen Raum mit Matratzen zum chillen und pennen
eine Erdnussbutter und Marmeladen Station
ein Open-Mic Raum mit Kaffee und Tee, wo jede/r musizieren kann
Techno und Dancehall Raum
Samstag war es sonnig und überall aufm Campus gab es verschiedenste Veranstaltungen. Die Departments haben gegeneinander Softball gespielt (Soziologie gegen Anthropologie); es gab eine riesige Rutsche mitten vor Eliott Hall; Schokoladenbrunnen (!!!), Essensstände, Bands und MusikerInnen überall! Ein Highlight waren die „Pictures“, eine Gruppe nackter Reedies getunkt in blauer Farbe, die über den Campus rannten und jede/n umarmten und küssten, der/die nicht schnell genug nein schrie – die so genannten „Anti Pictures“ haben die die „Pictures“ mit oranger Farbe gejagt
Es gab ein großes Festessen genannt „The Feast“, wo wir umsonst mit Lachs, Schwein, Maccaroni&Cheese und Kuchen verköstigt wurden (Reedies konnten im Vorfeld Punkte ihrer Essenskarte dafür sponsern)
Bands haben draussen gespielt und selbst als es in Strömen regnete, tanzten alle einfach in den Pfützen weiter.
Abends gab es ein riesiges Feuerwerk mit Musik und gegen Mitternacht gab es eine Überraschung in Form eines bekannten DJ’s, der nur für eine Stunde auflegte, weil er anscheinend unheimlich teuer war (unglaublich, es gibt etwas, was sich Reed nicht leisten kann!). Meine HA (house advisor) Marushka hat dann in der Blue Lounge beim Open Mic ein paar Lieder gesungen, als dann jemand vorschlug, dass ich doch auch mal was singen soll. Habe dann die Gitarre geschnappt und Fidelity gesungen, was mehr oder weniger gut klingt, wenn man schon lallig ist (aber in der alk-freien Zone nicht zugeben will, dass man schon getrunken hat)
Sonntag ging es munter weiter: es gab Unmengen an Spiele, Rodeo-Reiten, mehrere Bluegrass Bands und als Highlight eine Samba Marching Band, die den halben Campus zum tanzen brachte. Außerdem: ein Lube-Wrestling Contest
Mir wurde auf keinen Fall zu wenig versprochen: Renn Fayre war ein superbes Fest! Absolute Reizüberflutung. Hippie Alumnis überall. Illegale Substanzen en masse. Teenager auf ein paar skurillen Trips… Aber letztendlich lief alles smooth. Die von den Studis organisierten Patrouillen sorgten dafür, dass nur Leute mit gelben Bändchen auf’n Campus waren. Die Wasser- und Bagel-Patrouillen versorgten die Hungrigen und Durstigen. Es war skurill, aber der Spass meines Lebens. 3 Tage durchgetanzt und nun hab ich genügend Power für die letzten Tage: Ab morgen habe ich 72 Stunden, bis ich meine Abschlussarbeiten einreichen muss. Und jetzt: Schlaf.
Heute stelle ich euch eine Tradition vor, welche nicht nur einer der beliebtesten sondern auch verrücktesten von Reed’s Traditionen darstellt: RENN FAYRE (original: Rennaissance Fayre).
Renn Fayre ist eine 3-Tages Party am Ende des akademischen Jahres, welche interessanterweise vor den Examen und Hausarbeiten-Deadlines stattfindet. Renn Fayre beginnt am Freitag mit der so genannten Thesis Parade, welche die Verbrennung der Rohfassung der Abschlussarbeit zelebriert und in einer großen Rumknutsch-und-Sauf-Orgie endet.
Im Vorfeld wurden Treffen zu Drogengebrauch, Sex und Alkoholkonsum gehalten und eine große Veranstaltung für alle ErstsemesterInnen (inklusive exchange students) in Vollum organisiert, für die in der E-Mail drum gebeten wurde, bitte keinen Pot zu rauchen. Die Veranstaltung wurde von ein paar biertrinkenden Junior und Senior Studis gehalten, die uns darauf hingewiesen haben, dass die unter 21jährigen (alle im Raum, ausser Magda), verantwortlich mit Alkohol und „sonstigem“ umgehen sollen, damit die Polizei nicht kommt und die Party platzt. Folgendes bietet Renn Fayre neben Live Musik, Hüpfburgen, Spielen, Alkohol etc.: einen Ausruh- und Chill-Raum voller Kuscheltiere, eine Gruppe von Studis, die sicherstellt, dass keine Unbefugte den Campus betreten (wir haben alle Bändchen um den Arm), es wird eine extra Krankenstation (24h geöffnet) geben, ein Abschlussfeuerwerk etc. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm, weil vor ein paar Jahren Fremde auf den Campus gekommen sind und einen Schaden von $30.000 angerichtet haben. Eine Freundin hat mir folgendes Zitat geschickt, welches besagt, dass Renn Fayre wohl mal vom Playboy zu einer der besten Parties gewählt wurde. Ich weiss jetzt nicht, ob das gut oder schlecht ist…
Renn Fayre is Reed’s year end celebration. It was once listed in Playboy as one the coolest, most exclusive parties in the country, second only to burning man. Tickets are highly coveted by locals and nationwide party connoisseurs alike. Renn Fayre isn’t a party. It is a celebration our graduating class who have survived the agony of writing a thesis, completing a degree at one of the most difficult and prestigious schools in the country. It is celebrating the wild side of Reed and Reedies. We bring in outside performers, book our friends for varioius productions during the event and bring a loved one or three, but all of these people have made some valid contribution to the Reed community.
Wer ein Video von Reed’s Renn Fayre vom vorletztem Jahr ansehen will, klickt hier.
Heute ist mein letzter Unitag, morgen beginnt Renn Fayre. Dienstag und Mittwoch gebe ich meine Hausarbeiten ab und die Woche drauf habe ich noch ein Französisch Exam. Tja, und dann bin ich schon fast wieder da…
Heute habe ich einen Workshop mitgestaltet, der die Konstruktion von „Weißheit“ und die damit verbundenen Privilegien kritisch untersucht. Ich war für die Gruppendiskussion verantwortlich (dass jede/r mal drankommt etc.) , was aber problemlos verlief, da wir letztendlich nur 12 Leute waren. Den Workshop hat eine Psychologin geleitet, die eine 680 (!) seitige Dissertation schrieb mit dem Namen: „Blinded by Whiteness: Understanding and Transforming Internalized Racism and White Privilege“ (Geblendet von Weissheit: Internalisierten Rassismus und „White Privilege“ verstehen und transformieren). Die Beschreibung war wir folgt:
This workshop will plumb the depths of American history and explore the roots of racism in America as a means to illuminate the ways racism is both institutionalized and internalized. This will allow us to identify some of the ways racist worldviews permeate our society and imagine ways to improve it. It will be conducted by Dr. Nancy Rogene, author of a 680-page dissertation on racism as a complex of the American cultural psyche.
Wir haben folglich die historische Entwicklung und Institutionalisierung von „White Privilege“ in europäisch-amerikanischer Geschichte untersucht und diskutiert, welche Auswirkungen das auf die heutige amerikanische Gesellschaft hat. Stichwort: Gesundheitssystem, Gefängnissystem, Wirtschaft und Ausbildung. Einer der prominentesten Forscher und Sprecher zu diesem Thema ist Tim Wise, der von dem neuem „Rassismus web 2.0″ spricht, der weniger offensichtlich, aber genauso gefährlich ist. Hier ein beeindruckendes Video:
Wer ein wenig mehr Interesse hat, checkt mal folgende Bücher aus:
Und hier noch die seeehr interessante Studie, die Tim Wise im Video erwähnte, in der 5000 identische Job-Bewerbungen rausgeschickt wurden, jeweils versehen mit „weiß“ oder „schwarz“ konnotierten Namen und man herausfand, dass die Antwort-Rate auf von angeblich weissen BewerberInnen geschriebenen Bewerbungen 50% höher war. Die Antwortrate war erst ungefähr gleich, als man durchschnittlich qualifizierte Bewerbungen von weissen BerwerberInnen gleichzeitig mit überdurchschnittlichen Bewerbungen (im Durchschnitt 8 Jahre mehr Erfahrung) von schwarzen BewerberInnen abschickte.
Schon seit Wochen habe ich mich auf Samstag (21. Februar) gefreut, denn Angela Davis gab dem Reed College die Ehre und hielt eine beeindruckende Rede über Obama, ihre Kritik zum Gefängnis-System und die Hoffnung auf eine politisch aktive und „rassen“-& geschlechter-&klassen-&sexualitäts-sensible Zukunft.
Angela Davis ist eine radikale Aktivistin, die sich in Form von Büchern, Reden und Protesten zu Themen wie Klasse, „Rasse“, Gender und Sexualität damals wie heute äußert/e. Stark engagiert in der Bürgerrechtsbewegung, die sie vorzugsweise als freedom movement (Freiheitsbewegung) bezeichnet, da die Zielsetzung ursprünglich über das Erreichen von Zivilrechten hinausging, war sie Mitglied in mehreren Organisationen (Black Panther, Kommunistische Partei der USA etc.). Anfang 1970 war sie auf der FBI Most Wanted List und wurde kurz daraufhin verhaftet, was eine weltweite Welle des Protest nach sich zog (an der meine Mama teilgenommen hat, jawohl). Nach zwei Jahren wurde sie entlassen und widmete sich seitdem insbesondere ihrer Kritik des (amerikanischen) Gefängnissystems.
Angela Davis@Reed College
Ungefähr 45 Minuten vor Beginn war die Schlange auf dem Campus vor dem Kaul Auditorium schon wahnsinnig lang; gut, dass meine KumeplInnen strategisch günstig platziert waren, so dass ich mich weiter vorne reinschmuggeln konnte. Trotzdalledem saßen wir so ungefähr in der Mitte, aber leicht erhöht mit guter Sicht. Der Saal war mehr als gefüllt und dafür, dass Portland ziemlich weiss ist, war der Saal ein Musterbeispiel an Vielfalt.
Leicht verspätet wurde Angela Davis schwungvoll angesagt und mit tosenden Applaus empfangen; diese freute sich über den vollen Saal und fragte: „Ihr seid doch nicht alle College Students, oder?“ worauf jemand antwortete: „Nee, wer kann denn $40.000 für’s studieren aufbringen?!“. Davis lachte laut und meinte: „Ja, davon spreche ich heute noch!“.
Sie begann mit einer kurzen Rekapulation des Black History Month („Monat für Schwarze Geschichte“), auf Grund dessen sie eingeladen wurde. Sie betonte insbesondere, dass es ein Fehler sei, den freedom movement immer nur mit individuellen Helden zu assozieren (z.B. Martin Luther King) und verwies besonders auf die vielen Afroamerikanerinnen, die die Bus-Boycotte organisierten und eine ebenso bedeutende Rolle in den verschiedensten Organisationen spielten. Im folgenden Zitat verdeutlicht Davis, warum es wichtig sei, soziale Bewegungen nicht als Akt Einzelner zu verstehen:
„History is seen as the accomplishment of individual heroes which makes it so hard to see ourselves as powerful agents“
Geschichte wird normalerweise als Verdienst einzelner Helden verstanden, was es erschwert, uns selbst als einflussreiche Handelnde zu sehen.
Angela Davis@Reed College
Demnach bedeutet ein schwarzer Präsident gar nichts, wenn der Rest der Elite aus vielen weißen Männern und ein paar weißen Frauen bestehe und die Gefängnisse offensichtlich überwiegend mit schwarzen und/oder armen Männern gefüllt sind. Sie kritisierte die Gefängnisse als Abfalleimer der amerikanischen Gesellschaft, in denen der Überschuss der Menschen, die der Kapitalismus nicht verwerten kann, abgeschlossen und ohne hinreichende Behandlung marginalisiert werden. Einer der Gründe für den enorm hohen Anteil an insbesondere schwarzen, jungen Männern in Gefängnissen seien rassistische Taktiken, wie z.B. racial profiling (Fahnung nach rassischen Kriterien), bei denen oftmals unschuldige schwarze Männer beschuldigt und/oder fälschlicherweise bestraft werden. Selbst bei einer offensichtlichen Schuld böte das Gefängnis nicht die ausreichenden Möglichkeiten zur Therapie sondern sei lediglich als Ort des Wegschlusses vom Rest der Gesellschaft zu verstehen (klingelingeling: Michel Foucault). Anstatt den InsassInnen zu helfen, werden sie stigmatisiert und oftmals falsch beraten/verteidigt, was zum civil death (zivieln Tod) führe. Als einer der Hauptgründe für diesen Zustand sieht Davis den Mangel an ausreichender Bildung. Im folgenden Video spricht sie vom Zusammenhang von schlechter Bildung und Inhaftierung und von Inhaftierten, die lernten sich selbst zu verteidigen, weil sie ungenügend Verteidigung erhielten.
Im zweiten Video appeliert Davis an die Obama-Administration Islamophobie, Homophobie und Rassismus ernst zu nehmen. Sie verlangt die Beendung des racial profiling, und bedauert den Erfolg von Proposition 8. Außerdem betont sie, dass rassistische Diskriminierung eine institutionalisierte Praxis sei, an der auch Schwarze teilnehmen.
„Racism is not attached to particular kinds of bodies (…) we assume that you can’t be racist if you’re black but there are a lot of black people who are in positions of power who use racism in order to do their work“
Rassismus ist nicht an bestimmte Körper gebunden (…) wir nehmen an, dass man nicht rassistisch sein kann, wenn man schwarz ist, aber es gibt eine Menge schwarzer Menschen, die hohe Positionen innehalten und Rassismus dazu benutzen, ihre Arbeit zu erledigen.
Die Rede war ungefähr 90 Minuten lang und hatte viele starke Momente, die ich leider hier nicht wiedergeben kann, aber ich denke, dass die Videos einen kleinen Eindruck geben,
Zum Schluss noch die junge Davis mit dem alten Honecker. Muss auch mal sein.
Gestern abend bin ich zu einer Diskussionsrunde des Multicultural Resource Center (MRC = Multikulturelles Center) hier am Reed gegangen, um ein paar Meinungen nach der Wahl einzufangen und einige der wichtigen Fragen zu erörtern, die zu dieser Zeit so rumschwirren: Was bedeutet diese Wahl insbesondere für Afroamerikaner/innen und andere Minoritäten? Was sagt die Wahl über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus? Hat diese Wahl die USA fundamental durchgeschüttelt und endlich Chancengleichheit demonstriert, welche es vorher nur in der Theorie gab? Und heisst das: Rassismus ist passé?
Mit Obama’s Wahl als Präsident wurde in der Tat einer der letzten, schwer überwindbaren „Rassen“-Barrieren gebrochen, die es in den USA bis dato noch gab. Rassismus (sowie Sexismus, Klassismus, Homophobie etc.) ist damit allerdings noch so allgegenwärtig wie vor der Wahl, auch wenn in dieser Wahl ein Afroamerikaner das erste Mal eine reele Chance auf die Präsidentschaft hatte. Genau genommen hat diese Wahl gezeigt, wie tief Rassismus doch noch in den USA verwurzelt ist.
Die Diskussionsrunde (ca. 15 Leute) war bunt gemischt, alle Minoritäten am Reed waren vertreten. Interessanterweise waren zwei der AfroamerikanerInnen Anhänger der republikanischen Partei. 2 von 15 – und das ist schon überproportional für’s Reed College.
Jackquey, Afroamerikanerin und Republikanerin, erzählte, wie sie die Wahlnacht verlebte: Als verkündet wurde, dass Obama Präsident ist, habe sie geweint. Und zwar vor Freude. Auf die Frage, warum sie sich denn freue, sie sei doch Republikanerin, antwortete sie wütend: „Warum ich mich freue? Warum freut ihr euch? Mein Vater wurde mit Steinen beworfen, als er zum ersten Mal die Universität betrat! Ich kenne Leute, deren Großeltern gelyncht wurden… Warum ich mich freue? Dieser Tag beweist, dass ein Schwarzer in diesem Land wirklich etwas erreichen kann!“
Jade, eine (afroamerikanische) Komiltonin, fügte hinzu: „Wenn ich meinen zukünftigen Kindern nun erzähle, dass sie alles erreichen können, lüge ich sie nicht an!“
Bei all der Euphorie herrschte aber Konsens darüber, dass Rassismus in den USA allerdings so institutionalisiert und in der Konsequenz subtil und manchmal schwer (an)greifbar sei, dass eine Wahl allein die amerikanische Gesellschaft nicht von einem Tag auf den anderen umwälzen kann. Aber Obama als Symbol- und Idofigur sei eines der bemerkenswerten Dinge, die in den letzten Jahren Richtung einer egalitären Gesellschaft geleistet wurde. Oder wie Jade es ausdrückte: „Endlich haben wir nicht nur Basketball Players und Musiker als Vorbilder – wir haben nun einen Präsidenten!“
Diese Diskussionsrunde hat eins verdeutlicht: In dieser Wahl ging es nicht nur darum, die republikanische Partei abzulösen und endlich wieder (irgend)einen demokratischen Präsidenten zu haben. Diese Wahl hat die amerikanische Gesellschaft in vielfacher Weise herausgefordert und den tief in der Kultur verankerten Rassismus (bzw. Sexismus, siehe Hillary Clinton) offengelegt – eine sicherlich schmerzliche Erfahrung für die USA, das „erste demokratische (sic) Land der Neuzeit“. Aber es ist auch ein wichtiger, symbolträchtiger Schritt in die Zukunft. Mal davon abgesehen, dass es immer strukturelle Barrieren geben wird, die Menschen davon abhalten, alles gewollte zu erreichen, kann das bloße Bewusstsein, dass alles möglich sei und darüber hinaus das Wissen, das es möglich ist (Obama), schon einen enormen psychologischen Effekt haben (im Sinne von Empowerment). So zumindest wirkte die allgemeine Stimmung der StudentInnen.
Sehr amerikanisch, dachte ich: Dies entpringt sicherlich dem amerikanischen Optimismus gemäß dem Mythos from rags to riches (vom Tellerwäscher zum Millionär), welches sich in den Augen Vieler als das entpuppt/disqualifiziert, was es nun einmal ist: Ein Mythos. Aber vielleicht ist das auch irrelevant. Vielleicht wird Obama mehr als bloß der 44. Präsident der USA.
Passend dazu ein paar schöne Eindrück von der Wahlnacht in Harlem, New York:
Offtopic: Und hier mal wieder ein exzellenter Beitrag von Sarah Haskins in der Reihe „Target Women“ (eine Reihe von kurzen Videos über Frauen und wie diese in den Medien dargestellt werden). Diesmal über die Show ‘The View’, wo 5 Frauen (u.a. Whoopi Goldberg) die wichtigen Dinge des Lebens bei einem „Coffee Klatch“ (ja, das ist das englische Wort) besprechen, insbesondere in letzter Zeit natürlich die Präsidentschaftswahl.
Die letzte Woche stand auf jeden Fall im Zeichen der Deutschtümelei, welche durch den 3. Oktober (erinnere: Tag der deutschen Einheit) eingeleitet wurde. Eva, die deutsche language scholar (Sprachlehrerin) und ich durften abends stellvertretend für das deutsche Department an die University of Portland fahren und den „Day of German Unity“ feiern, organisiert u.a. von dem deutschen Generalkonsultat in San Francisco und dem Staate Niedersachsen. Und ja, es wurden beide Nationalhymnen gesungen. Live, mit Piano und Sopranette. Die Reden waren unheimlich deutsch – Achtung: es folgen Stereotype – steif, verdammt unlustig und holprig. Aber ein Blick auf das reichhaltige Buffett ließ auf Besserung hoffen, und wirklich: gebackener Camembert gewälzt in Nüssen, Schinken, Rotkohl, Brot und Unmengen an Dips, Salate, Apfelstrudel und Käsekuchen… yammyamm. Dafür höre ich mir auch gerne mal die deutsche Nationalhymne an.
Obwohl wir hauptsächlich mit Essen beschäftigt waren, haben wir uns kurz mit einem Exil-Deutschen unterhalten, der aus dem Osten geflohen ist, nach Amerika gegangen ist, ohne Abitur hier studieren durfte und nun schon fast 50 Jahre hier lebt. Seine ganze Familie ist in Deutschland geblieben. Wenn ich so etwas höre, kriege ich immer Gänsehaut…
Am Samstag, den 4. Oktober, haben wir der Uni erst einmal komplett den Rücken gekehrt: Wir sind wir schön gemütlich frühstücken gegangen (Portland hat echt viele tolle Kaffeehäuser) und danach ein wenig in der Gegend rumspaziert, um die letzten Sonnenstrahlen einzufangen. An diesem Tage habe ich übrigens 1.) mein zukünftiges Auto entdeckt ($38.000), 2.) mein zukünftiges Hochzeitskleid erspäht ($20) und 3.) mein zukünftiges Häuschen besichtigt (??$, Portland hat so viele, putzige bunte Häuser!!)
Remí und María
Abends sind wir in einem herrlichen Restaurant mir vielen französischen Gerichten gewesen, besonders zur Freude der beiden französischen language schloars Remí und Timmothé, die sich über tollen Wein und Camembert freuten. Wenn wir abends weggehen, müssen wir übrigens immer darauf achten, dass wir unsere Pässe oder einen anderen amtlich anerkannten Ausweis mit uns haben, weil wir sonst noch nicht mal ein Restaurant geschweige denn eine Bar betreten dürfen. Selbst wenn man keinen Alkohol trinken möchte, muss man in Bars immer und in Restaurants ab 22Uhr einen Ausweis vorlegen, der beweist, dass man über 21 Jahre ist und demnach Alkohol trinken darf. Einmal hatte ich nur meinen internationalen Studienausweis dabei, der nach Oregon-Gesetzt nicht rechtsgültig ist,und wir mussten die Bar verlassen.
… eine der vielen Brücken von Portland
Nachts sind wir dann noch ein in wenig Downtown Portland spaziert, eine der letzten angenehmen Nächte übrigens, die letzte Woche wurde nämlich extrem kalt. Es erscheint fast so, als gäbe es hier keinen Herbst: nachdem wir vorletzte Woche noch Sonnenschein und moderat warmes Wetter geniessen konnten, wurde es schlagartig kalt, so dass es nachts kaum mehr als 5°C sind.
Nach diesem schönen Tag hiess es wieder: Zurück an die Bücher, denn es stehen die mid-terms an (Prüfungen und Hausarbeiten zur Mitte des Semesters). Ich muss zwei kürzere Hausarbeiten (5-7 Seiten), ein Französisch-Exam schreiben und eine kommentierte Bibliographie fertigstellen (15 wissenschaftliche Arbeiten raussuchen, lesen, zusammenfassen und erklären, inwiefern diese mir bei der Beantwortung meiner Forschungsfrage für meinen Comparative Politcs helfen). Bin damit auf jeden Fall überfordert, weil ich ja nebenbei auch noch für die laufenden Kurse lesen und mich vorbereiten muss. Unter der Woche heisst das für mich, dass ich nur lese und lerne.
Gestern (Freitag, 10. Oktober) folgte dann aber ein anderes Highlight: Oktoberfest!! Und zwar mein allererstes. Das deutsche Haus hatte alles vorbereitet vor der Freifläche der Mensa und es war ein feuchtfröhliches Fest mit Bier, Bretzeln, Kartoffelsalat, Würstchen, Polka und einem Bierzelt, in dem nur Leute über 21 reindruften – sehr untypisch für Reed, denn ansonsten macht man sich hier eher weniger Sorgen, wenn Minderjährige trinken. Mehr Fotos gibt’s: hier!
Hier außerdem noch ein kleines Video (mit Maeve, die ein Jahr in München war und nun House Advisor des Deutschen Hauses ist.
Dieser Abend war übrigens voll mit kulturellen Überraschungen: Art Spiegelmann, Pulitzer Preis-Gewinner für seinen Comic „Maus“, hat hier einen Gastvortrag gehalten! In „Maus“ verarbeitet Spiegelman Erlebnisse seiner Eltern, die Auschwitz überlebt haben, in Form eines Comics, welches z.B. Juden als Mäuse und Nazis als Katzen darstellt. Unheimlich spannend, habe ich mir schon vor ein paar Wochen gekauft, hatte aber leider noch keine Zeit, mehr als 3 Seiten zu lesen. Der Vortrag war irre interessant und immer mit Comicabbildungen begleitet. Spiegelman, der sich erst einmal eine Zigarette auf der Bühne ansteckte, sprach u.a. über die verschiedenen Arten, wie man ein Comic strukturieren kann oder welche verschiedenen Formen es gibt. Er war wunderbar sarkastisch und untermalte seinen Vortrag mit vielen Comicstrips. Das war auf jeden Fall der beste Vortrag, den ich bisher von einem Gastvortragenden gehört habe. Fotos waren zwar nicht erlaubt, aber hey, ich bin ein Tourist. Also heimlich am Ende schnell ein Foto geknipst… Hinter dem Pult, das ist er!!
So, das war viel und alles auf einmal, aber unter der Woche ist einfach kaum an was anderes als Bücher zu denken – aber das ist bald vorbei: denn ab dem 18. Oktober habe ich eine Woche Herbstferien. Und dann geht’s ab in den wärmeren Süden…!
Und wer ist schuld daran? Darn right. Diese verdammte Hockey-Mom aus Alaska. Nachdem wir heute Abend teilweise lachend, teilweise weinend die beschämende VizepräsidentInnen Debatte geschaut haben, hörte ich eine Studentin sagen: „Ich schäme mich, Amerikanerin zu sein…“. Nicht nur wir, augenscheinlich auch Joe Biden (potentieller Vizepräsident der demokratischen Partei) konnte kaum fassen, was Sarah Palin (potentielle Vizepräsidentin der republikanischen Partei) so von sich gab.
Palin, überraschenderweise rhetorisch gar nicht mal entsetzlich, bewies traurigerweise, worauf viele AmerikanerInnen scheinbar abfahren: rührselige private Stories, Lobpreisung der USA als beste Nation der Welt (mit der „perfekten Idee einer Demokratie“), Steuersenkungen (d.h. für: Konzerne) und nicht zu vergessen: Der Verweis auf ihre eigene Familie als Prototyp der „typisch amerikanischen Arbeiter(!)-Familie“. Ein wenig Deregulation hier, noch ein wenig Krieg und Kampf gegen Terror da und nicht zu vergessen: Alles mit Gottes Segen. Ach ja: Der Klimawandel ist nicht durch Menschen verursacht. Es ist Gott, der uns an seine warme Brust drückt! Eine witzige Anekdote: Als Palin behauptete, dass die USA das einizige Land sei, dass sich um den Klimawandel sorge, haben nur die internationalen StudentInnen gelacht. Und zwar laut. Irgendwie haben wir in Europa ein anderes Gefühl.
Allgemeine Gesundheitsvorsorung? Nope. Evolutionstheorie? Nope. Abtreibung? Nope. Gleichgeschlechtliche Ehe? Nope. Sarah Palin ist gefährlich. Und zwar deshalb, weil sie alle unterschätzen. Und wenn sich das amerikanische Volk am 4. November mehrheitlich für McCain (immerhin 72 Jahre) entscheidet, sind die Chancen groß, dass Palin bald Präsidentin der USA ist.
Interessanterweise kann man trotzdem nicht sagen, dass Biden diese Debatte gewonnen hat. Anfangs zwar souverän, hat er später meiner Meinung nach geschwächelt. Pluspunkt: Am Ende verdrückte er eine Träne und erzählte, dass er alleinerziehender Vater sei. „Nur weil ich ein Mann bin, heisst das nicht, dass ich nicht weiß, wie es ist, alleinerziehend zu sein.“ Genau das richtige Maß an Dramatik. Das zieht. Fazit: Palin war besser als gedacht und Biden überraschend holprig an manchen Stellen. Oder wie meine Host Mom Julie letztens sagte: „In den USA herrscht so ein Antiintellektualismus. Joe Biden und Barrack Obama sind einfach zu intelligent!“
Die Reedies, sicherlich kein repräsentativer Querschnitt durch die amerikanische Bevölkerung, waren schockiert und erschüttert. Während wir alle anfangs noch lachten, machte sich am Ende Frustration und Wut breit. Und Ungläubigkeit. Einziger euphorischer Moment: Als Biden sich ausdrücklich für Homosexuellen-Rechte aussprach. Ein einziges Gekreische. Sekunden später war die Stimmung wieder gedämpft, weil sich beide ausdrücklich gegen Homosexuellen-Ehe aussprachen. Witzig: Einige Leute spielten Bingo und kreuzten die Wörter an, die Sarah Palin typischerweise benutzt. Unter anderem: ‘maverick’ (Sonderling), ‘nuclear’, ‘lipstick’, ‘drill here’, ‘free market’ (Freier Markt) und ‘family’. Das erste Bingo kam so nach einer halben Stude.
(…) But everything Sarah Palin believes in and practices is antithetical to Feminism which for me is part of one story — connected to saving the earth, ending racism, empowering women, giving young girls options, opening our minds, deepening tolerance, and ending violence and war.
I believe that the McCain/Palin ticket is one of the most dangerous choices of my lifetime, and should this country chose those candidates the fall-out may be so great, the destruction so vast in so many areas that America may never recover. But what is equally disturbing is the impact that duo would have on the rest of the world. Unfortunately, this is not a joke. In my lifetime I have seen the clownish, the inept, the bizarre be elected to the presidency with regularity (…)
Hier passiert gerade unheimlich viel, deshalb hoffe ich, dass mein nun folgender Crashkurs durch die vergangene Woche nicht allzu wild wird. Wer keine Zeit hat, sollte morgen wiederkommen. Es wird lang.
Die Uni hält mich beschäftigt, Kaffee hält mich wach und das Wetter macht gute Laune. Es ist so angenehm draussen, dass wir diese Woche meinen Gender & Political Theory Kurs nach draussen verlegt haben, direkt unter die Canyon Bridge, die ich nur überqueren muss, wenn ich zu meinem Wohnheim will. Wie ihr sehen könnt, sind wir ganze 8 Leute in diesem Kurs, was ein Grund ist, warum ich mich nicht vor dem Lesen drücken kann. Der nächste Grund ist: Die Zeit der Essays und Hausarbeiten hat angefangen. Habe diese Woche schon 2 Essays abgegeben, eins folgt noch dieses Wochenende. Mein erstes Französisch-Exam verlief erfolgeich und… bizarr. Unsere Französischlehrerin verließ nämlich den Raum, nachdem sie die Arbeit austeilte: Ich war etwas verwundert und eine Komilitonin erklärte mir dann, was los sei: Bei Leistungskontrollen gehen die Profs am Reed College normalerweise aus dem Raum. Die StudentInnen sind dann allein und schreiben ihre Arbeit hoffentlich besten Gewissens. Während in Deutschland wahrscheinlich jede/r das Buch mit den Lösungen rausgeholt hätte (und ich war kurz davor), pochen die Reedies auf die Honor Principles der Uni. Wirklich seltsam.
Ich habe außerdem Konversationsstunden mit dem französischen language scholar (Sprachlehrer), welche gut verlaufen. Obwohl ich noch immer traurig bin, dass ich hier kein Spanisch belegen konnte, ist es auch ziemlich dufte, mein Französisch mal an richtigen Franzosen zu testen. Links seht ihr ein Bild der 3. Etage der ‘Eliot Hall’, wo ich die meisten meiner Kurse habe. Dort sind die Fächer der Profs, in die wir unsere fertigen Essays ablegen sollen. Da die Erstsemester (und ich ) diese Woche die ersten Essays abgeben mussten, haben ältere StudentInnen dafür gesorgt, dass dies ja feierlich mit Tröten, Luftballons und TamTam abläuft. Verdammt, war ich stolz.
Ansonsten steht hier nun langsam alles im Zeichen der Präsidentschaftswahl: Austan Goolsbee, Wirtschaftsprof an der University of Chicago und Barack Obama’s Wirtschaftsberater, hat hier am Reed College einen Vortrag gehalten. Ein sehr ironischer Typ, der uns erklären wollte, wie und warum die momentane Bankenkrise verursacht wurde. Sein exzellentes Tafelbild hat mich trotzdem nicht aus dem Tal der Ahnungslosen herausgeholt. Nach den Zeichnungen ‘Mann’ und ‘Haus’ habe ich nur noch streckenweise verstanden, um was es ging. Zu viele Variablen und zu viel Fachchineschisch. Aber hey, er ist wirklich charismatisch und erscheint frisch und unverbraucht.
Ob man den Inhalt versteht oder nicht, ist ja auch irgendwie zweitrangig. Was zählt, sind Emotionen und Charisma. Zumindest erscheint dies so im gegenwärtigen US-Wahlkampf z.B. bei der Präsidentschaftsdebatte am 26. September. Während ich absolut angewidert war von McCain’s tränenreichen Kriegs-Stories („Jim, when I came home from prison…“ – zu deutsch: „Jim (=Moderator), als ich aus Kriegsgefangenschaft entlassen wurde…“), fanden meine amerikanischen KomillitonnInnen, dass dies absolut nötig ist, um das amerikanischen Volk dazu zu bringen, McCain zu wählen. Und Obama habe sich an diese Tag nicht gut geschlagen, weil er einfach zu wenig auf die Tränendrüse gedrückt hat… Gesehen haben wir die Debatte übrigens im gleichen Raum, wo auch der Golsbee-Vortrag war. Insgesamt war es recht amüsant, weil wir zwar dazu angehalten wurden, leise zu sein, die gesamte Debatte über aber laute Rufe, Geklatsche und Buhrufe zu hören waren. Interessant: Als die beiden Kandidaten vorgestellt wurden, haben vielleicht 2 Leute geklatscht, als McCains Name erklang. Als Obama vorgestellt wurde, brach der ganze Raum in tosenden Beifall aus. McCain wurde häufig richtig ausgelacht oder als motherfucker beschimpft. Hach, herrlich. In South Carolina ist dies sicherlich anders abgelaufen…
Nach dieser akademisch und politisch wirklich anstrengenden Woche sind Eva, María und ich heute morgen dann mit dem Bus nach Hawthorne gefahren, ein dufter Kiez ganz in der Nähe vom Reed College, wo man schön draussen in Cafés sitzen kann, shoppen und spazieren geht, sprich: sehr europäisch einfach mal den Tag draussen verbringt. Sehr gut Frühstück gegessen (Lachs, Ei und Pancake, yammie) und dann die Second-Hand Läden ausgecheckt, denn Hawthorne hat ‘ne Menge davon. Ein paar coole Schnäppchen entdeckt und sogar schon mal getragene Schuhe anprobiert (Fussphobie!). Wollte mir fast eine blaue Kindermütze kaufen, María hat mich aber vor diesem Fehler bewahrt. Wenn ich mir das Foto so angucke, weiß ich gar nicht, warum…
Wie ihr seht, habe ich endlich eine Brille. Zum Schnäppchenpreis von $250 inklusive Arztrechnung. Und das war preiswert, denn ich hatte Glück: just an dem Tag, an dem ich mir eine Brille aussuchte, hatte der Optiker 50%off. Falls ihr euch fragt, warum ich plötzlich zur Rockefellerin beworden bin: das deutsche Department bezahlt mich sehr gut als teaching assistant. So, meine Lieben. Das war lang, aber hoffentlich informationsreich. Fühlt euch geküsst und gegrüsst!
Und die Gewinnerin eines persönlichen Links diese Woche ist Anna: Women in Combat„Enjoy!“ (wie meine Profs hier immer unter Examen oder E-Mails mit Hausaufgaben schreiben…)
Letzte Woche habe ich eine Mail von meinem (deutschen) Comparative Politics-Prof hier bekommen, mit dem Hinweis, dass Sandra Day O’Connor in Portland eine Rede halten wird. Und wenn ich schnell genug wäre, würde ich auch noch ein Ticket bekommen – und zwar umsonst (kostete nämlich $50-$80). Und ich war schnell genug (oder meine wirklich brennend überzeugende E-Mail, warum gerade ich das letzte Ticket bekommen sollte, hat geholfen).
O’Connor war die erste Frau, die in den Supreme Court(= Oberster Gerichtshof) berufen wurde. Dies geschah überraschenderweise 1981 und noch viel überraschender: Ronald Reagan war dafür verantwortlich – ein Präsident der republikanischen Partei, der sich nicht gerade mit Ruhm beckleckerte, wenn es um Frauen und politische Ämter ging (oder um die Ratifizierung der ERA, aber das ist nur etwas für Interessierte). Jedenfalls klang die Beschreibung der Veranstaltung verlockend:
In an election year where the „gender card“ is being played in the most cynical and offensive fashion, spend an evening with a woman who legitimately earned her place in history: Sandra Day O’Connor, the first woman appointed to the Supreme Court.
(zu deutsch: „Im Wahljahr, wo die ‘Gender-Karte’ in einer zynisch beleidigenden Art und Weise ausgespielt wird, koennen Sie einen Abend mit einer Frau verbringen, die ihren Platz in der Geschichte auf legitime Weise verdiente: Sandra Day O’Connor, die erste Frau, die in den Obersten Gerichtshof berufen wurde.“)
Arlene Schnitzer Concert Hall
Ich bin also mit einem Kommilitonen aus meinem Comparative Politics Kurs nach Downtown Portland in die Arlene-Schnitzer Konzerthalle gefahren, in der Hoffnung, dass O’Connor ein wenig über die aktuelle Wahlkampfsituation erzählen würde oder dass wir zumindest ein gutes Essen abstauben würden. Na gut. Irgendwie hat beides nicht geklappt. O’Connor hat eigentlich nur zusammengefasst, was amerikanische und einige europäische Gerichtshöfe nach 9/11 für neue Gesetze verfasst haben. Irgendwie nix neues, dass in Deutschland jetzt beispielsweise Bankdaten* gespeichert werden dürfen oder wir im Internet ausspioniert werden (dürfen).
Ein wirklich interessanter Satz auch: „Der Supreme Court wird noch entscheiden, welche Foltermethoden auch wirklich Foltermethoden sind“. Damit spielte sie auf das so genannte Waterboarding an, was ja irgendwie Folter (= Menschenrechtsverletzung) ist, nur nicht nach amerikanischen Gesetz. Man kann von Glück reden, dass sie die Entscheidungen nicht mehr zu fällen hat, denn das selbst ernannte „arbeitslose Cowgirl“ (ich zitiere!) ist 2006 aus dem Amt ausgeschieden und war irgendwie berüchtigt für ihre (sozial**-)konservativen Entscheidungen. In der Fragerunde hat sie dann auch wirklich keine einzige Frage beantwort.Besonders bei heiklen Fragen, z.B. warum sie 2004 dieses Wahl-Dilemma in Florida für beendet entschieden und somit George W. Bush zum Präsidenten gemacht hat, wollte sie pertout nicht kommentieren.
Naja. Ich habe Sandra Day O’Connor gesehen, zumindest in Umrissen. Die College StudentInnen, die Karten umsonst bekommen haben, mussten nämlich auf den billigen Plätzen hinten sitzen. Aber zumindest hat mich diese Veranstaltung mal aus der Bibliothek gerissen.
*Apropos Bank: Ich musste mir ein amerikanisches Konto besorgen, damit das Deutsche Department mir Geld überweisen kann – ich habe also ein Konto bei der Washington Mutual Bank eröffnet. Großer Fehler. Ihr habt sicherlich gehört, dass diese pleite ist. Fuck die Finanzkrise. Wehe die verschleudern meine Kohle!!
** Ich habe hier gelernt, dass man zwischen ’sozial’ und ‘ökonomisch’ differenziert, wenn man sich politisch einordnet. Man kann also sozial liberal (im amerikanischen Sinne, also: tendenziell links) sein und ökonomisch republikanisch. Das ist natürlich ein Dilemma und ist ein Grund, warum es noch einige Unentschiedene gibt.