Orientierungswoche am Reed College II

Tag 3 (24. August 2008)

Heute stand der zweite Trip nach Target an und ich habe mich diesmal auf Schul- und Dekozeug für meinen Raum konzentriert. Bin nun $280 ärmer, dafür um folgende Dinge reicher:

  • Bettzeug (Kissen, Decke, Bettwäsche, Tagesdecke)
  • Handtücher
  • Spiegel
  • Kleiderbügel
  • Magnetboard + Stifte
  • Klebeband + Posterstrips
  • Bilderrahmen
  • Tischlampe
  • Lautsprecherboxen
  • Telefon (für mein Zimmer, ein Handy muss ich mir noch besorgen)
  • Waschpulver (jedes Haus hat eigene Waschmaschinen und Trockner)
  • Badzeug (irgendwie habe ich in meinen vollgepackten Koffern weder Seife noch Haarwaschmittel gefunden)
  • Make Up (meine Haut ist so schlecht, ich muss gegen irgendwas allergisch sein: entweder das gute Essen, oder die gute Luft oder die netten Leute)

Mein Zimmer

Abends gab es ein Barbecue mit unseren Host-Families. Das Barbecue wurde von einer StudentInnengruppe namens C.A.V.E.: Carnivorous Alternatives to Vegetarian Eating organisiert („die fleischfressende Alternative zu vegetarischem Essen“). Viele StudentInnen am Reed College essen vegetarisch und vegan. In der Konsequenz fühlen sich so manche FleischfresserInnen eventuell ein wenig in der Minderheit und haben deshalb eine Gruppe gegründet, die sich immer mal trifft, um Fleisch zu grillen. Da es hier die Regel gibt, dass immer auch vegetarische Angebote vorhanden sein müssen, muss die Gruppe aber immer einen Extra Grill für vegetarisches Essen bereitstellen. Reed hat im Übrigen eine Menge lustiger StudentInnengruppen, die man immer ein wenig mit Augenzwinkern betrachten sollte. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe namens Beer Nation („Bier-Nation“), die Biergärten am Reed College planen, eine Gruppe namens Cookies For All („Kekse für alle“), die sich zum Kekse backen treffen und mehrere Gruppen wie z.B. jene für AfroamerikanerInnen oder AsiatInnen (wobei aber jede/r partizipieren darf).

Tag 4 (25. August 2008)

An diesem Tage begannen die ‚wirklichen’ Orientierungsveranstaltungen. Um 9:30 gab es die erste Diskussion zum „Honor Principle“, so etwas wie eine Anleitung oder besser: Einverständnis zum adäquaten Benehmen. Reed gibt nach Selbstaussgae nämlich weder Anleitung noch Regeln. Die einstündige Veranstaltung kann ich mit folgenden Worten zusammenfassen: Beleidige niemanden, belästige niemanden, bescheiß nicht bei Tests und Hausarbeiten. Die nächsten Stunden widmeten wir uns dem Thema: „Wie überlebe ich als AusländerIn die Anforderungen am Reed College?“. Das Schlüsselwort hier hieß: Kommunikation. Falls wir nicht hinterherkommen oder etwas verstehen (was uns versprochen wurde), sollen wir immer Kontakt zu DozentInnen suchen. Falls wir das enorme Lesepensum nicht bewältigen können (was wir auch nicht werden), sollen wir Rat suchen – oder frühzeitig lernen, Prioritäten zu setzen.

Mittags gab es wieder ein halbformelles Mittagessen mit ein paar Angestellten der Uni-Büros (halbformell deshalb, weil zwar nett gedeckte Tische und ziemlich wichtige Leute da waren, die meisten hier aber nicht auf angemessene Kleidung wert legen), bei dem jede/r internationale Student/in aufgerufen wurde, und die jeweilige Flagge des Landes aufhängen musste. Argh. Dann aber folgte das Highlight des Tages: A Talk on American Culture („Ein Gespräch über amerikanische Kultur“).

A Talk on American Culture

A Talk on American Culture

Ich liebe ja solche Diskussionsrunden (zur Belustigung), weil sie doch immer in stereotypen Phrasen enden. Und… was soll ich sagen: Die Frau hatte einen guten Start, raste durch den Mittelteil und brachte mich am Ende wirklich auf die Palme. Zuerst sollten wir jeder eine typische Eigenschaft / einen treffenden Wert für unser Land nennen. Es ging die Reihe um, es fielen Wörter wie ‚Respekt’ oder ‚Höflichkeit’. Irgendwie kam die Gruppe bei mir zum Stoppen und ich fragte, ob ich Deutschland wirklich in ein Wort packen soll. Unmöglich. Irgendwann murmelte ich dann so was wie politische Vielfältigkeit – wenigstens im Vergleich zu den USA (was nicht ein Wort war – wie rebellisch). Also bitte, was hättet ihr denn gesagt? Hiermit eröffne ich eine Diskussionsrunde: Jede/r darf nun ein Wort nennen, dass Deutschland charakterisiert. EIN WORT!

Es wird besser: Dann stellte die Professorin Konzepte vor (aber natürlich immer nur zwei Kategorien, hop oder top: Individualismus – Kollektivismus, Universalismus – Partikularismus…), in die wir die einzelnen Länder weltweit einordnen sollten. Nächstes Problem. Keine Ahnung. Deutsche sollen sehr direkt sein, und Amerikaner auch. Das bezweifele ich aber. Amis finden doch die kuriosesten Beschreibungen, um nicht das Wort Sex zu sagen. Oder das Wort Toilette. Leider hatten wir keine Zeit zur Diskussion, weil die nächste Veranstaltung folgte, in der wir über Aktivitäten, Traditionen und Besonderheiten des Reed College sprachen. Den Beschreibungen folgend wird dies ein anstrengendes aber verdammt aufregendes Jahr. Abends gab es wieder ein Dinner, diesmal in einem privaten Haus einer Professorin. Wie immer: „Wie heisst du, wo kommst du her, was ist dein Hauptfach?“ Danach gingen wir bowlen (nicht sehr erfolgreich).

Bowling

Bowling

Tag 5 (26. August 2008)

Weiter geht’s: Um 9 wurden alle unsere Fragen zu den Kursen am Reed College beantwortet. Da die meisten erzählten, dass sie lediglich 3 Kurse wählen (die jeweils zwei bis drei Mal die Woche stattfinden), fragte ich, ob es denn verrückt sei, 4 zu wählen. Denn dass muss ich tun, um in Deutschland pünktlich meinen Bachelor zu beenden. Ich glaube, dass ich kleine Sorgenfalten entdeckte. Falls es stimmt, was andere StudentInnen erzählen („es kann sein, dass ihr von einem zum anderen Tag 200 Seiten aufbekommt!“), dann ist dies der sichere Nagel zu meinem sozialen Tod.

Daraufhin folgte eine Campus Tour, bei der wir alle Gebäude und ihren Zweck kennenlernten. Es ist wirklich unglaublich: Wenn ein Reedie ins Ausland gehen möchte – es gibt ein Büro dafür. Suchst du einen Job oder ein Parktikum? Hast du Computerprobleme? Brauchst du Schulzeug? Medikamente? Kaffee? Brauchst du einen Psychologen? Oder einen Tutor? Willst du Deutsch, Russisch, Französisch, Spanisch oder Chinesisch sprechen? Willst du einfach nur entspannen? Es gibt für alles Büros oder spezielle Häuser – wie z.B. das German House, wo einige StudentInnen auch leben und schlafen und angehalten sind, nur deutsch zu sprechen. Mann kann sein Leben hier ruhigen Gewissens und ohne jeglichen Mangel verleben.

Dann folgte wieder ein Lunch mit wichtigen Leuten, diesmal vom Gesundheitscenter. Nach dem Essen wurden die Jungen und Mädchen fein säuberlich getrennt und es ging los: DAS Gespräch über Gesundheit, Sexualität und übertragbaren Krankheiten. Der Frauenkurs wurde von zwei sehr sympathischen Hippie-Krankenschwester-Muttis geführt, die die unangenehmsten Themen sehr selbstverständlich und ganz ungezwungen ansprachen. Es wurde sogar das Wort Sex ein paar Mal benutzt: „Wir sind froh, wenn ihr Sex habt, wir sind froh, wenn ihr keinen Sex habt – Bitte benutzt Kondome – Bitte kommt zu uns – Nein heisst Nein! – Wenn der/die jeweilige Partner/in betrunken ist, heisst das: Nein.“

Am Nachmittag folgte der wohl interessante Trip – Downtown Portland. Und ich kann euch sagen, dass Portland einer der schönsten Städte ist, die ich in den USA bisher gesehen habe. Viele Parks, Menschen laufen (!) und sitzen in Cafés, ein schöner Mix aus alten und neuen Gebäuden und das beste:

Powell's Bookstore - Es sieht nicht groß aus von aussen, verteilt sich aber über den ganzen Block!

Powell's Bookstore. Es sieht nicht groß aus, verteilt sich aber über den ganzen Block

Powell’s Bookstore, der größte Buchladen der USA. Und es ist keine Kette! Der Buchladen ist in mehrere Räume mit verschiedenen Farben geteilt und mein Lieblingsraum ist schon jetzt der lilane: Soziologie, Gender Studies, African American Studies, Native American Studies, Gay and Lesbian Studies (ja, ich befinde mich noch immer in den USA!)… Ich befinde mich hier im akademischen Himmel.

Abends hatten wir noch mal ein letztes offizielles Dinner bei einem Mitarbeiter von Reed, der auf einem Berg wohnt und die krasseste Aussicht EVER hat. Die Orientierungswoche für internationale StudentInnen war damit erst einmal vorüber. Puh. Ich bin auch irgendwie froh, jetzt meinen eigenen Studenplan und Tagesablauf zu bestimmen.

Neue Fotos vom Campus hier. Neue Fotos von den Orientierungsveranstaltungen hier. Wer keine Lust hat, sich ein drittes Album mit Portland Fotos reinzuziehen, bekommt hier trotzdem ein paar Eindrücke von dieser unglaublich coolen Stadt:

Downtown Portland Eindrücke

Maria (Spanien) und ich

6 Antworten zu Orientierungswoche am Reed College II

  1. goddamnstalker sagt:

    meinungspluralismus

  2. Topsi sagt:

    Musssterben?
    Doof?
    Viel schlechter als sein Ruf?

    200 Seiten vom einen Tag auf den anderen verstößt sicher gegen die Genfer Konventionen, im Notfall können wir dich da mit einem UN-Hubschrauber von einer Schlumpftruppen-Eskorte rausholen lassen.

  3. simon sagt:

    Man muß doch nur schnell und betonungsfrei genug sprechen, dann kriegen die anderen nicht mit, dass man mehrere worte spricht:
    „alsodeutschlandineinemwortzusammenzufassenistgarnichtsoeinfachdamußmanechtüberlegenvielleichtirgendwasmitblablubbwasauchimmer…“
    …das beste beispiel für sowas hat heut noch schlagzeugunterricht bei mir…;oP

  4. Tinitus sagt:

    wie wärs mit HITLER. das ist ein wort
    oder NAZIS
    … oder im Gegensatz zu dem, was bei dir gerade so abgeht LANGEWEILE
    liebhabdich kussibussi

  5. Tinitus sagt:

    wenn der partner betrunken ist, heißt das nein? …hätte ich dann schonmal in meinem lleben sex gehabt? und würde ich ihn je wieder haben?

  6. Lisi sagt:

    So hab lange drüber nachgedacht, und ein Wort für Deutschland wäre: Ordnung!
    Auch Kussibussi von mir!

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