Woche 5: Politische Theorie, Bankenkrise, Präsidentschaftsdebatte… und ganz viel Uni

Hier passiert gerade unheimlich viel, deshalb hoffe ich, dass mein nun folgender Crashkurs durch die vergangene Woche nicht allzu wild wird. Wer keine Zeit hat, sollte morgen wiederkommen. Es wird lang.

Die Uni hält mich beschäftigt, Kaffee hält mich wach und das Wetter macht gute Laune. Es ist so angenehm draussen, dass wir diese Woche meinen Gender & Political Theory Kurs nach draussen verlegt haben, direkt unter die Canyon Bridge, die ich nur überqueren muss, wenn ich zu meinem Wohnheim will. Wie ihr sehen könnt, sind wir ganze 8 Leute in diesem Kurs, was ein Grund ist, warum ich mich nicht vor dem Lesen drücken kann. Der nächste Grund ist: Die Zeit der Essays und Hausarbeiten hat angefangen. Habe diese Woche schon 2 Essays abgegeben, eins folgt noch dieses Wochenende. Mein erstes Französisch-Exam verlief erfolgeich und… bizarr. Unsere Französischlehrerin verließ nämlich den Raum, nachdem sie die Arbeit austeilte: Ich war etwas verwundert und eine Komilitonin erklärte mir dann, was los sei: Bei Leistungskontrollen gehen die Profs am Reed College normalerweise aus dem Raum. Die StudentInnen sind dann allein und schreiben ihre Arbeit hoffentlich besten Gewissens. Während in Deutschland wahrscheinlich jede/r das Buch mit den Lösungen rausgeholt hätte (und ich war kurz davor), pochen die Reedies auf die Honor Principles der Uni. Wirklich seltsam.

Ich habe außerdem Konversationsstunden mit dem französischen language scholar (Sprachlehrer), welche gut verlaufen. Obwohl ich noch immer traurig bin, dass ich hier kein Spanisch belegen konnte, ist es auch ziemlich dufte, mein Französisch mal an richtigen Franzosen zu testen. Links seht ihr ein Bild der 3. Etage der ‚Eliot Hall‘, wo ich die meisten meiner Kurse habe. Dort sind die Fächer der Profs, in die wir unsere fertigen Essays ablegen sollen. Da die Erstsemester (und ich🙂 ) diese Woche die ersten Essays abgeben mussten, haben ältere StudentInnen dafür gesorgt, dass dies ja feierlich mit Tröten, Luftballons und TamTam abläuft. Verdammt, war ich stolz.

Ansonsten steht hier nun langsam alles im Zeichen der Präsidentschaftswahl: Austan Goolsbee, Wirtschaftsprof an der University of Chicago und Barack Obama’s Wirtschaftsberater, hat hier am Reed College einen Vortrag gehalten. Ein sehr ironischer Typ, der uns erklären wollte, wie und warum die momentane Bankenkrise verursacht wurde. Sein exzellentes Tafelbild hat mich trotzdem nicht aus dem Tal der Ahnungslosen herausgeholt. Nach den Zeichnungen ‚Mann‘ und ‚Haus‘ habe ich nur noch streckenweise verstanden, um was es ging. Zu viele Variablen und zu viel Fachchineschisch. Aber hey, er ist wirklich charismatisch und erscheint frisch und unverbraucht.

Ob man den Inhalt versteht oder nicht, ist ja auch irgendwie zweitrangig. Was zählt, sind Emotionen und Charisma. Zumindest erscheint dies so im gegenwärtigen US-Wahlkampf z.B. bei der Präsidentschaftsdebatte am 26. September. Während ich absolut angewidert war von McCain’s tränenreichen Kriegs-Stories („Jim, when I came home from prison…“ – zu deutsch: „Jim (=Moderator), als ich aus Kriegsgefangenschaft entlassen wurde…“), fanden meine amerikanischen KomillitonnInnen, dass dies absolut nötig ist, um das amerikanischen Volk dazu zu bringen, McCain zu wählen. Und Obama habe sich an diese Tag nicht gut geschlagen, weil er einfach zu wenig auf die Tränendrüse gedrückt hat… Gesehen haben wir die Debatte übrigens im gleichen Raum, wo auch der Golsbee-Vortrag war. Insgesamt war es recht amüsant, weil wir zwar dazu angehalten wurden, leise zu sein, die gesamte Debatte über aber laute Rufe, Geklatsche und Buhrufe zu hören waren. Interessant: Als die beiden Kandidaten vorgestellt wurden, haben vielleicht 2 Leute geklatscht, als McCains Name erklang. Als Obama vorgestellt wurde, brach der ganze Raum in tosenden Beifall aus. McCain wurde häufig richtig ausgelacht oder als motherfucker beschimpft. Hach, herrlich. In South Carolina ist dies sicherlich anders abgelaufen…

Nach dieser akademisch und politisch wirklich anstrengenden Woche sind Eva, María und ich heute morgen dann mit dem Bus nach Hawthorne gefahren, ein dufter Kiez ganz in der Nähe vom Reed College, wo man schön draussen in Cafés sitzen kann, shoppen und spazieren geht, sprich: sehr europäisch einfach mal den Tag draussen verbringt. Sehr gut Frühstück gegessen (Lachs, Ei und Pancake, yammie) und dann die Second-Hand Läden ausgecheckt, denn Hawthorne hat ’ne Menge davon. Ein paar coole Schnäppchen entdeckt und sogar schon mal getragene Schuhe anprobiert (Fussphobie!). Wollte mir fast eine blaue Kindermütze kaufen, María hat mich aber vor diesem Fehler bewahrt. Wenn ich mir das Foto so angucke, weiß ich gar nicht, warum…

Wie ihr seht, habe ich endlich eine Brille. Zum Schnäppchenpreis von $250 inklusive Arztrechnung. Und das war preiswert, denn ich hatte Glück: just an dem Tag, an dem ich mir eine Brille aussuchte, hatte der Optiker 50%off. Falls ihr euch fragt, warum ich plötzlich zur Rockefellerin beworden bin: das deutsche Department bezahlt mich sehr gut als teaching assistant. So, meine Lieben. Das war lang, aber hoffentlich informationsreich. Fühlt euch geküsst und gegrüsst!

Und die Gewinnerin eines persönlichen Links diese Woche ist Anna: Women in Combat „Enjoy!“ (wie meine Profs hier immer unter Examen oder E-Mails mit Hausaufgaben schreiben…)

Eine Antwort zu Woche 5: Politische Theorie, Bankenkrise, Präsidentschaftsdebatte… und ganz viel Uni

  1. anna sagt:

    thanks for the link. hoffe, dich bald mal bei skype zu erwischen. bin ab morgen ne Woche im Urlaub. Servus und bis balde

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