Obama ist heute – Rassismus war gestern?

Gestern abend bin ich zu einer Diskussionsrunde des Multicultural Resource Center (MRC = Multikulturelles Center) hier am Reed gegangen, um ein paar Meinungen nach der Wahl einzufangen und einige der wichtigen Fragen zu erörtern, die zu dieser Zeit so rumschwirren: Was bedeutet diese Wahl insbesondere für Afroamerikaner/innen und andere Minoritäten? Was sagt die Wahl über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft aus? Hat diese Wahl die USA fundamental durchgeschüttelt und endlich Chancengleichheit demonstriert, welche es vorher nur in der Theorie gab? Und heisst das: Rassismus ist passé?

Mit Obama’s Wahl als Präsident wurde in der Tat einer der letzten, schwer überwindbaren „Rassen“-Barrieren gebrochen, die es in den USA bis dato noch gab. Rassismus (sowie Sexismus, Klassismus, Homophobie etc.) ist damit allerdings noch so allgegenwärtig wie vor der Wahl, auch wenn in dieser Wahl ein Afroamerikaner das erste Mal eine reele Chance auf die Präsidentschaft hatte. Genau genommen hat diese Wahl gezeigt, wie tief Rassismus doch noch in den USA verwurzelt ist.

Die Diskussionsrunde (ca. 15 Leute) war bunt gemischt, alle Minoritäten am Reed waren vertreten. Interessanterweise waren zwei der AfroamerikanerInnen Anhänger der republikanischen Partei. 2 von 15 – und das ist schon überproportional für’s Reed College.

Jackquey, Afroamerikanerin und Republikanerin, erzählte, wie sie die Wahlnacht verlebte: Als verkündet wurde, dass Obama Präsident ist, habe sie geweint. Und zwar vor Freude. Auf die Frage, warum sie sich denn freue, sie sei doch Republikanerin, antwortete sie wütend: „Warum ich mich freue? Warum freut ihr euch? Mein Vater wurde mit Steinen beworfen, als er zum ersten Mal die Universität betrat! Ich kenne Leute, deren Großeltern gelyncht wurden… Warum ich mich freue? Dieser Tag beweist, dass ein Schwarzer in diesem Land wirklich etwas erreichen kann!“

Jade, eine (afroamerikanische) Komiltonin, fügte hinzu: „Wenn ich meinen zukünftigen Kindern nun erzähle, dass sie alles erreichen können, lüge ich sie nicht an!“

Bei all der Euphorie herrschte aber Konsens darüber, dass Rassismus in den USA allerdings so institutionalisiert und in der Konsequenz subtil und manchmal schwer (an)greifbar sei, dass eine Wahl allein die amerikanische Gesellschaft nicht von einem Tag auf den anderen umwälzen kann. Aber Obama als Symbol- und Idofigur sei eines der bemerkenswerten Dinge, die in den letzten Jahren Richtung einer egalitären Gesellschaft geleistet wurde. Oder wie Jade es ausdrückte: „Endlich haben wir nicht nur Basketball Players und Musiker als Vorbilder – wir haben nun einen Präsidenten!“

Diese Diskussionsrunde hat eins verdeutlicht: In dieser Wahl ging es nicht nur darum, die republikanische Partei abzulösen und endlich wieder (irgend)einen demokratischen Präsidenten zu haben. Diese Wahl hat die amerikanische Gesellschaft in vielfacher Weise herausgefordert und den tief in der Kultur verankerten Rassismus (bzw. Sexismus, siehe Hillary Clinton) offengelegt – eine sicherlich schmerzliche Erfahrung für die USA, das „erste demokratische (sic) Land der Neuzeit“. Aber es ist auch ein wichtiger, symbolträchtiger Schritt in die Zukunft. Mal davon abgesehen, dass es immer strukturelle Barrieren geben wird, die Menschen davon abhalten, alles gewollte zu erreichen, kann das bloße Bewusstsein, dass alles möglich sei und darüber hinaus das Wissen, das es möglich ist (Obama), schon einen enormen psychologischen Effekt haben (im Sinne von Empowerment). So zumindest wirkte die allgemeine Stimmung der StudentInnen.

Sehr amerikanisch, dachte ich: Dies entpringt sicherlich dem amerikanischen Optimismus gemäß dem Mythos from rags to riches (vom Tellerwäscher zum Millionär), welches sich in den Augen Vieler als das entpuppt/disqualifiziert, was es nun einmal ist: Ein Mythos. Aber vielleicht ist das auch irrelevant. Vielleicht wird Obama mehr als bloß der 44. Präsident der USA.

Passend dazu ein paar schöne Eindrück von der Wahlnacht in Harlem, New York:

Vodpod videos no longer available.

more about „Wahlnacht in Harlem / New York„, posted with vodpod

Offtopic: Und hier mal wieder ein exzellenter Beitrag von Sarah Haskins in der Reihe „Target Women“ (eine Reihe von kurzen Videos über Frauen und wie diese in den Medien dargestellt werden). Diesmal über die Show ‚The View‘, wo 5 Frauen (u.a. Whoopi Goldberg) die wichtigen Dinge des Lebens bei einem „Coffee Klatch“ (ja, das ist das englische Wort) besprechen, insbesondere in letzter Zeit natürlich die Präsidentschaftswahl.

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